Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
jeder der überlieferten Thatsachen oder Worte, nach kritischer Feststellung ihre 
Zuverlässigkeit, ihren bestimmten Ort im Zusammenhange der Geschichte Jesu 
anzuweisen. Es bleibt dies aber immer nur ein Versuch, eine dem Verfasser 
eigentümliche Auffassung; von einer klassischen, allgemein anerkannten Feststellung 
des Lebens Jesu, sozusagen von einem Normal-Leben-Jesu, wie es Normal-Kate 
chismen giebt, ist keine Rede. Wir bewegen uns also auf unsicherem Boden und müßten 
uns mit in den Streit der historisch-kritischen Schriftforschung verwickeln lassen. 
Nun sehe ich nicht ein, warum die Didaktik ihren sicheren klassischen Boden, 
den der vier Evangelien und Normalkatechismen, verlassen und sich in jenes Wirrsal 
der theologischen Konstruktionen hineinbegeben sollte, so lange sie es noch eben ver 
meiden kann. Das Alte Testament beginnt man schon uns zu verleiden, zumal die 
Geschichten, die uns bisher die köstlichsten weil kindesgemäßeften schienen; viele Lehrer 
werden nach den neuerdings darüber geführten Verhandlungen sie nicht mehr mit 
ganz gutem Gewissen behandeln können. x ) Soll uns das Neue Testament nun 
auch noch schwankend werden, indem wir uns bemüßigt finden zu den Streitfragen 
der neutestamentlichen Geschichtsforschung Stellung zu nehmen? Herr Bang 
meint, „die Zeichen der Zeit" drängten dazu, denn das junge, aufgeklärte Ge 
schlecht bekäme von diesen kritischen Problemen genug anderswoher zu hören und 
würde damit völlig irre an Bibel und Religion, wenn die Schule ihnen nicht die 
rechte Position gewiesen hätte. Ich stehe diesem Gedanken sehr sympathisch gegen 
über und möchte die darin vertretene Wahrheit um keinen Preis vernachlässigt 
wissen. Aber wenn man einen Turm bauen will, soll man zuvor die Kosten 
überschlagen, ob mans auch habe hinauszuführen. Der Turm ist sehr hoch und 
die Kosten übersteigen möglicherweise doch unsere Kräfte! Will ich dem Schüler 
ein streng-geschichtliches, vollständiges, widerspruchsfreies Leben Jesu vorführen, so 
muß ich mir auch zuvor überlegen, ob ich ihm wirklich reine klare Antwort auf 
alle Die heikeln Fragen geben will und kann, die da möglicherweise auftauchen 
können. Denn da handelt es sich nicht nur um solche Lappalien, wie die von 
Bang aufgeführten, z. B. ob der Versucher Jesum zuerst auf die Zinne des 
Tempels und dann auf den hohen Berg geführt habe oder umgekehrt, oder ob 
der Aussätzige vor oder nach der Bergpredigt geheilt sei, auch nicht bloß um die 
anderen beliebten knifflichen Fragen, mit denen sich die alte Apologetik und Har- 
monistik zu quälen pflegte: ob der Herr in Jericho einen oder zwei Blinde ge 
heilt (vgl. Matth. 20, 30 und Mark. 10, 46) oder ob er gar das Vaterunser 
in zwei verschiedenen Wortlauten gelehrt, die Einsetzungsworte des Abendmahls 
verschieden ausgesprochen habe, welche letzteren Fragen doch offenbar schon keine 
i) über diese Frage, die durch das Buch Das Judenchristentum in der reli 
giösen Vorstellung des deutschen Protestantismus, besonders in Fluß ge 
kommen ist, behalten wir uns noch ein Urteil vor.
	        

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