Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Anforderungen der Zeitverhältnisse cm den Volksschullehrerstand. 295 
ist eine jedermann deutliche Beglaubigung einer höheren allgemeinen Bildung und 
als solche nicht unwesentlich für das gesellschaftliche Ansehen. Nach einer solchen 
Beglaubigung verlangte man. 
Es ist ein eigen Ding um die Ehre; ein Lump ist, dem nichts mehr an 
ihr liegt, ein Narr, wer sie au verkehrter Stelle sucht. Der Regierungsbeamte, 
der Offizier, der Richter, der Geistliche weiß genau, welchen Rang er einnimmt 
in der Gesellschaft; der Volksschullehrer gehört einem Stande au, der streng ge 
nommen noch kein Stand ist, erst im Werden begriffen, und dessen Rang darum 
noch nicht bestimmt ist. Das mag für manche unbehaglich sein; ich habe noch 
nicht -gefunden, daß ein tüchtiger Lehrer darunter gelitten hätte. Sein Amt weist 
ihn au die Kinder und zwar vorwiegend an die Kinder der Geringen im Volk 
und des Mittelstandes. Er hat Genosseu in seiner Arbeit, die Eltern, die Geist 
lichen, die Gemeinde, und so weist ihn sein Amt hin auf die Pflege der Be 
ziehungen zu seinen Mitarbeitern. Ist er nun ein Meister in seiner unterrichtlich- 
erziehlichen Arbeit an seinen Schülern und in der Pflege der Beziehungen zu 
seinen Mitarbeitern, und ist er als solcher anerkannt, so genießt er eine Ehre, 
die nach meinem Ermessen vollständig ausreicht. Wie überhaupt die eifersüchtige 
Sorge um Rang und Titel ein wenig erfreuliches Zeichen unserer Zeit ist, so 
ist es dies namentlich in den Ständen, deren Glieder etwas von dem Wort eines 
großen Meisters verstehen sollten, der da sagt: „Wer unter euch der Vornehmste 
sein will, der sei aller Diener. — 
Der Einfluß, den die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse in ihren 
Folgen auf das heranwachsende Geschlecht ausüben, stellt der Schule ganz neue 
Aufgaben. Die frühe Entwöhnung der Jugend von der häuslichen Zucht, das 
Leben in großer Gesellschaft, das einseitige Streben nach materiellem Erwerb und 
sinnlichem Genuß, das Schwinden idealeren Strebens, der Mangel an Achtung 
vor den historisch erwachsenen Institutionen, der staatlichen, kirchlichen und bürger 
lichen Ordnung, das pietätlose Verhalten gegen die Vorgesetzten, das sind Er 
scheinungen, mit denen gerechnet sein will. 
Es ist interessant, bei den Autoren, die sich mit der socialen Frage be 
schäftigen, daraus zu achten, wie sie von der Aufgabe der Schule ihr gegenüber 
reden. Einige, z. B. Landgerichtsrat v. Knnowsky erwähnen die Schule gar 
nicht; die meisten rufen sie auf zum Kampf gegen die Socialdemokratie, um dieser 
durch die Schule die Zuflüsse möglichst abzuschneiden. Nach meinem Dafürhalten 
darf die Schule diesem Rufe nicht folgen. Es wird hüben und drüben gesündigt, 
und da die Schule es mit der Pflege des religiös-sittlichen Lebens zu thun hat, 
hat sie ihre Gegner bald hier, bald dort. Dazu müssen alle Eltern zu der 
Schule das Vertrauen haben können, daß in ihr der Kinder Wohl nach besten 
Kräften gepflegt wird. Dies Vertrauen würde schwinden, sobald der Lehrer sich 
als Parteimann offenbarte.
	        

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