Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Anforderungen der Zeitverhältnifse an den Volksschulsehrerstand. 299 
weniger viel Übereinstimmendes giebt in dem Geschmack, das beweist das Vor 
handensein der Künste. Wie könnte es eine Musik, Bildhauerkunst, Malerei, 
Baukunst, Dichtkunst rc. geben, wenn es nicht trotz aller Unterschiede doch auch 
sehr viel Übereinstimmendes in der Beurteilung des mannigfachen Schönen gäbe? 
Ähnlich wie mit dem Schönen ists mit dem Guten. Wohl nennt der eine gut 
und preist es, was der andere schlecht und böse nennt und es verwirft, aber 
trotzdem haben die Menschen aus der Schöpferhaud eine Bestimmtheit ihres gei 
stigen Wesens überkommen, daß sie eben so übereinstimmend über gut und böse 
urteilen müssen, unabhängig von ihrem Wollen, wie sie in intellektuellen, ästhe 
tischen und Physischen Dingen Übereinstimmung zeigen. Daß die Menschen trotz 
dieser Übereinstimmung eine große Verschiedenheit in ihrem Urteil über gut und 
böse zeigen, hat wohl hauptsächlich zwei Gründe, einmal ihre Verschiedenheit in 
dem Verständnis der zu beurteilenden Dinge und zweitens in ihrer Willigkeit, 
der sittlichen Einsicht Raum zu geben. So sagte einst ein Bauer, als es sich in 
einer Sitzung der kirchlichen Repräsentation um die Pensionierung eines Pfarrers 
handelte: „Lot den Schömmel trecken, bis he fällt." Das klang schrecklich und war 
doch sehr gut gemeint. Der Bauer hatte dem gelähmten Pfarrer einen Vertreter 
und sonst alles Mögliche mit Freuden bewilligt. Daß der Pfarrer aber Ge 
wissensbedenken haben konnte, trotz aller Freundlichkeit der Gemeinde im Amte zu 
bleiben, dafür fehlte ihm das Verständnis von dem Wesen des Pfarramts. Er 
beurteilte den der Gemeinde dienenden Pfarrer nach seinem Schimmel, der ihm 
auch treu gedient hatte und nun das Gnadenbrot bekam, bis er fiel. Daß auch 
die mangelnde Willigkeit, der sittlichen Einsicht Raum zu geben, sehr viel zu dem 
scheinbaren Mangel an sittlicher Übereinstimmung beiträgt, dafür kann man überall 
die Beispiele auflesen, leider auch bei sich selbst; man denke nur an die sittliche 
Beurteilung derselben That bei Freund und Feind, bei Angehörigen und Fremden, 
in dieser und jener Stimmung. So wird manches vor den Menschen laut ge 
priesen, was das Gewissen verurteilt, und manches böse beurteilt, dem man doch 
die stille Anerkennung nicht versagen kann. 
Man braucht nur zu bedenken, daß es die allgemeine Ethik ist, auf die wir 
uns, bewußt oder unbewußt, bei aller Erziehung stützen, daß sie es ist, die die 
Brücke bilden muß zwischen den religiös, national, politisch, social und wer weiß 
wie sonst bis zum Nichtverstehen getrennten Menschen, um ihre Bedeutung grade 
für unsere Zeit recht schätzen zu lernen, um aber auch den Wunsch zu verstehen, 
daß sie, die der wissenschaftlichen wie volkstümlichen Bearbeitung noch so sehr be 
darf, bei Lehrern wie Pfarrern ernste Beachtung und Pflege finden möge. Der 
letzt erschienene Band der Werke Dörpfelds „Zur Ethik" kann dabei in ver 
schiedenem Betracht gute Dienste leisten. Auf die Bedeutung der allgemeinen Ethik 
zuerst ernstlich hingewiesen zu haben, ist nach meinem Wissen auch eins der vielen 
Verdienste Dörpfelds.
	        

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