Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Öffentliche Erziehung giebts überall, sie ist nur sehr verschieden. Wenn die 
Kinder aus der Schule kommen, so kommen sie vor Konditorläden mit ihren 
Leckereien, vor Buchläden mit ihren Büchern und Bildern, vor Wirtshäuser, in 
denen es lustig hergeht, zu Höckerinnen, die allerlei feil bieten, darunter auch 
solches, das den Kinderfinn reizt. Sie kommen in allerlei Gesellschaft; da ist ein 
Weggenosse, in dem das Sehen eines Hundes, Pferdes oder Esels alsbald zu 
einer fast unüberwindlichen Lust führt, das Tier zu necken und zu quälen; da 
sind andere, die eine Freude daran zu haben scheinen, das Eigentum anderer zu 
verunzieren und zu schädigen, wieder andere, die eine bedenkliche Geschicklichkeit 
darin besitzen, sich kurzerhand anzueignen, was immer ihre Lust reizt. Vervoll 
ständigt man dies bedenkliche Bild und nimmt dann hinzu, daß die Kinder auch 
Gutes sehe» und hören, in gute Gesellschaft kommen, so wird jeder zugestehen: 
Da sind Erzieher die Menge, die aus jeden einstürmen, der sich ihnen hingiebt. 
Es wäre sehr thöricht, von den Händlern ohne weiteres zu erwarten, daß, wie 
groß auch die Lust zum Erwerb sein möge, sie doch von selbst zu der Frage 
kämen, ob es auch recht sei, Leckereien, Bücher, Bilder und Spirituosen den sie 
begehrenden Kindern und jungen Leuten zu verkaufen; nicht minder thöricht wäre j 
es, von den mutwilligen, diebischen und sonst verdorbenen Burschen zu erwarten, 
daß sie durch Gewiffensbedenken würden abgehalten werden von ihrem bösen Thun I 
und von der Verführung anderer dazu. Auf die Polizei zu hoffen, die ja manches 
thun kann, aber lange nicht alles, wäre eine weitere Thorheit; und so entsteht die .! 
Frage: Was ist zu thun, daß in dem öffentlichen Leben dem Bösen gewehrt, und , 
das Gute geschützt und gefördert werde? 
Es ist schon mancher Obstbaum gefällt worden, weil der Besitzer sich nicht j 
weiter über die an seinen Früchten verübten Obstdiebstähle ärgern wollte; der « 
Spaziergang auf diesem und jenem Wege wird unterlassen, weil dort allerlei l 
Roheiten vorkommen, die man nicht gern ansehen möchte. Ist das recht? Darf 3 
ich bei dem Diebstahl, bei der Roheit lediglich dem ersten Gefühle folgen, das da ! 
sagt: halte dir dergleichen Dinge vom Leibe? Muß ich nicht vielmehr auch an 4 
die Mitmenschen denken, die sie sich nicht vom Leibe halten können, und vor allem k 
an die Unglücklichen, die sie begehen und sie immer schlimmer begehen werden, ! 
wenn alle so handeln wie ich, und niemand ihnen entgegentritt mit Ernst und 
Liebe? 
Wollen die gutgesinnten Leute nicht in pharisäischer Weise ihrer Gerechtigkeit 
sich rühmen, so müssen sie es heute bekennen: Unsere Feigheit, unsere Bequemlich- ! 
keit und Lieblosigkeit sind es, die das Verderben um uns herum solche Gestalt ! 
gewinnen ließ. In unsern Tierschutzvereinen haben wir bewiesen, daß, wenn es ! 
uns ernst ist, wir den Leidenschaften des Menschen Halt zu gebieten und das Tier > 
vor ihnen zu schützen vermögen; aber zu dem näher liegenden und zugleich so viel ! 
höheren Ziel, dem Menschenschutzverein, vermögen wir uns nicht aufzuschwingen. |
	        

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