Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

310 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
stell uug" den Lehrern eine Fülle des Sehenswerten und Anregenden darbieten 
würde. 
Wohl mit aus diesem Grunde war die Zahl der Teilnehmer eine größere 
als bei frühern Versammlungen; sie betrug diesesmal ca. 600. Auf alle, die 
von nah und fern ans unserm Ostpreußen herbeigekommen waren, machte es von 
vornherein einen wohlthuenden Eindruck, daß sie seitens der städtischen Behörden, 
sowie auch der gelesensten Provinzialblätter, mit unverkennbarer Herzlichkeit be 
grüßt wurden. „Wir Bewohner unserer alten Krönungsstadt", so äußerte sich 
die in Stadt und Provinz am meisten verbreitete Zeitung, „wir wissen, daß 
unsere Volksschullehrer niemals Feste feiern allein der Feste wegen; sie vereinen 
sich vorher stets zu ernster Arbeit; sie wirken und schaffen dabei für die Schule, 
für die Hebung unserer Volksbildung und erhalten sich dadurch jenen an ihnen 
stets zu bewundernden Idealismus, der sie ihre sprichwörtlich gewordene pekuniäre 
Notlage vergessen läßt, wenn es heißt, mit Rat und That für die sittliche Hebung 
der großen Volksmasse einzutreten." In ähnlichem Sinne hieß der Herr Ober 
bürgermeister Hofmann die erschienenen Lehrer willkommen; er begrüßte sie 
herzlich „als mutige Streiter des Geistes." Desgleichen Herr Bürgermeister 
Brinkmann. Als er den Verhandlungen der Versammlung am ersten Vor 
mittage mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt war, bezeugte er mit spürbarer 
Wärme: „Ich muß bekennen: Ich habe selten einer Versammlung beigewohnt, 
die unter so umsichtiger und geschickter Leitung stand und noch nie hörte ich Redner 
über ihre Fachwissenschaft sprechen, die es zu Wege brachten, daß die Zuhörer 
förmlich an ihren Lippen hingen. Die hohe Meinung, die ich bisher vom Lehrer 
stande gehabt habe, stammt nicht bloß aus meiner eignen Schulzeit, sondern auch 
aus meiner spätern Jugendzeit, als die Lehrer des Kirchspiels in meinem väter 
lichen Pfarrhause ein- und ausgingen und unsere gern gesehenen Gäste waren. 
Diese hohe Meinung hat sich nun heute mehr befestigt, und nach alledem bin ich 
fest überzeugt, es wird der deutschen Lehrerschaft gelingen, die Aufgabe, die zu 
nächst im deutschen Vaterlande ihrer Lösung harrt, wenn auch nicht endgiltig zu 
lösen, so doch zu ihrer Lösung ein Wesentliches beizutragen. Sie selbst werden, 
es nämlich genugsam empfunden haben, wie sehr in der Gegenwart die materiellen 
Interessen die Vorderhand gewonnen haben, wie sehr der Kampf nicht um geistige 
Güter, sondern um Geld und Gut geführt wird. Sie, meine Herren, können 
dazu beitragen, daß die Auffassung, die ich mit dem Spruche bezeichnen möchte: 
„Wenn es keine Arbeit in der Welt gäbe, so müßten wir sie erfinden, um den 
Menschen froh zu stimmen" — wieder zu Ehren kommt. Dazu sind die Lehrer 
die rechten Männer und namentlich die Volksschullehrer. Sie werden dazu bei 
tragen , daß Friede und Eintracht wiederkehren, welche jetzt durch Begehrlichkeit 
und heftige Kämpfe nur zu oft beeinträchtigt werden. Und so begrüße ich Sie 
freudig als Vorkämpfer des Idealismus, als Besieger der materiellen Welt 
ausfassung!" Gern mache ich darauf aufmerksam, daß in diesen Äußerungen ein 
hocherfreuliches Zeugnis der zunehmenden Wertschätzung des Lehrerstandes seitens 
des größern Publikums zu tage tritt. Referent erinnert sich ganz genau, daß bei 
einer Provinzial-Lehrerversammlung, die vor 23 Jahren hier stattfand, der größere 
Teil der Bürgerschaft und der sie vertretenden Behörden und Tagesblätter sich 
nicht nur gleichgiltig verhielt, sondern gar noch manche geringschätzige und spöttische 
Urteile über unsere Volksschullehrer, insbesondere auch über die äußere Erscheinung 
derselben, abgab.
	        

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