Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

aufgestellte „Leitsatz e" angenommen: 1. Eine das Volksschulwesen wirklich för 
dernde Inspektion kann nur von einem theoretisch und praktisch durchgebildeten 
Fachmann ausgeübt werden. Die moderne Pädagogik verlangt daher, daß die 
technische» Schulaufsichtsbeamten a) nicht nebenamtlich, sondern ausschließlich der 
Volksschule dienen, d) den bewährten Kräften des Volksschullehrerstandes selbst 
entstammen. 2. Der naturgemäße technische Leiter jeder einzelnen Schule ist der 
alleinige bezw. erste Lehrer (Hauptlehrer, Rektor) derselben. Eine daneben be 
stehende Lokalinspektion ist bei dem gegenwärtigen Stande der Volkspädagogik nicht 
nur unnötig und den Lehrern gegenüber ungerechtfertigt, sondern sie ist auch — 
zumal von Nichtfachmännern ausgeführt — einer gedeihlichen Weiterentwicklung 
des Volksschulwesens und dem heute mehr denn je wünschenswerten Zusammen 
wirken von Kirche, Haus und Schule hinderlich. 3. In den für die lokale Schul 
pflege unbedingt notwendigen Selbstverwaltungsorganen (Schulvorstände, Depu 
tationen, Synoden) müssen neben allen andern Interessenten (Staat, Gemeinde, 
Familie, Kirche) sowohl die Schulleiter als auch die Klassenlehrer durch ihre selbst 
gewählten Deputierten in ausreichender Weise vertreten sein/' 
Der zweite Punkt der Tagesordnung betraf den Gegenstand: „Schulbibel 
oder Vollbibel," Res. Herr Rektor Wlotzka-Kö uigsberg. „Leit 
sätze": I. Nach den „Allgemeinen Bestimmungen vom 15. Oktober 1872" hat 
die evangelische Schule die Aufgabe, ihre Zöglinge in das Verständnis der heil. 
Schrift einzuführen. Die Vollbibel enthält aber vieles, was die Kinder 1. nicht 
zu lesen brauchen, weil es für die Jugend überflüssig ist, 2. nicht lesen können, 
weil ihnen das Verständnis dazu mangelt, 3. nicht lesen dürfen, weil es ihre 
Sittenreinheit gefährdet und ihr Zartgefühl verletzt. Darum ist ein Bibelauszug 
(eine Schulbibel) für alle Schulen dringend erforderlich. II. Das „Biblische 
Lesebuch" von Völker und Strack besitzt alle guten Eigenschaften einer Schul 
bibel, denn: 1. der gebotene Lesestoff ist für alle Schulen, von der Volksschule 
bis zum Gymnasium, ausreichend; 2. alle sittlich anstößigen Stellen sind sorg 
fältig ausgeschieden, alle ernste Bedenken erregenden Ausdrücke durch andere er 
setzt; 3. die Auswahl des Bibeltextes hat die Billigung des Evangelischen Ober 
kirchenrates in Berlin gesunden; 4. das preußische Kultusministerium hat die Ein 
führung desselben in die Schulen genehmigt. Aus diesen Gründen ist die Ein 
führung des „Biblischen Lesebuchs" auch in den Schulen Ostpreußens 
schleunigst und mit allem Nachdruck zu erstreben." 
Die Versammlung beschloß, im Sinne dieser „Leitsätze" alsbald bei den be 
treffenden Schulaufsichtsbehörden vorstellig zu werden?) 
Hierauf referierte Rektor Radtke-Drengfurth über die Frage: „Was 
ha st du als Lehrer zu thun, damit man die Schule endlich ge 
nügend würdigt?" In fesselnder und an vielen Stellen humorvoller Weise 
wußte der Vortragende die Zuhörer über eine Stunde für seine Sache zu inter 
essieren, so daß er sich, trotzdem seine Rede bereits der dritte Vortrag am Tage 
war, der vollen Aufmerksamkeit der Versammlung bis zum Schlüsse zu erfreuen 
hatte. So wurden denn auch die von ihm gestellten „Thesen" mit dankendem 
Beifall angenommen: 1. Die Volksschule wird zur Zeit noch nicht genügend ge- 
y Der jetzt viel behandelten Schulbibelfrage gedenkt das Schulblatt demnächst 
näher zu treten. Meinungsäußerungen darüber, die als Material verwendet 
werden können, wären der Schriftleitnng sehr erwünscht. D. Schrift!. 
B|H
	        

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