Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Kleine Chronik. 
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3. Bis konservativen und die Volksschule. 
Die „Christliche Welt" erörtert in der 9. Nummer des siebenten Jahrganges 
das Verhältnis der Schule zu Staat und Kirche. Es heißt darin: 
„Man kann behaupten, daß die Schulpolitik der leitenden Kirche in der 
konservativen Partei direkt unchristliche Züge an sich trägt. Am liebsten wäre es 
ihnen, wenn es gar keine Volksschule gäbe. Aber da es ihnen vorderhand noch 
nicht möglich ist, sie ganz abzuschaffen, so ist ihr Interesse vorwiegend darauf ge 
richtet, den Lernstoff möglichst zu beschränken. Die Ansicht eines konservativen 
Grundbesitzers tritt am deutlichsten in der Äußerung zu tage, daß es keinen 
ordentlichen Ochsenknecht mehr gäbe, seitdem die Kinder in der Schule soviel 
lernten. Diese Äußerung habe ich selbst wiederholt gehört. Ein anderer konser 
vativer Herr kann sich heute noch nicht darüber beruhigen, daß er einmal ein 
Dorfkind mit einem Zirkel hat zur Schule gehen sehen. Es ist allerdings ent 
setzlich. Wie leicht kann der Junge sich den Gedanken in den Kopf setzen, er 
müßte das Problem der Quadratur des Kreises lösen und vergäße darüber, sein 
Vieh zu füttern. Ist es denn aber wirklich so viel, was die Volksschule lehrt? 
Es hat ja einen großen Namen, wenn es auf dem Stundenplan heißt: Geo 
graphie, Geschichte, Raumlehre, Naturkunde, Naturgeschichte. Aber man denkt 
doch wirklich nicht daran, Ritter, Ranke, Darwin und Brehm Konkurrenz zu 
machen. Es sind in der That nur die allergröbsten Züge des Weltbildes, die 
den Kindern in der Volksschule gezeichnet werden. Und ohne die kommt heut 
zutage keiner aus, der eine Zeitung, ja nur ein Sonntagsblatt liest. Aber die 
Furcht vor dem Wissen macht blind. Ein lebendiger Glaube freilich würde solche 
Furcht gar nicht aufkommen lassen. Diese Furcht vor dem Wissen ist das erste 
Zeichen eines unchristlichen Sinnes." 
4. Die kommende Generation der Geistlichen. 
Wie die Neue Pädagogische Zeitung berichtet, kam die Schulaufsichtsfrage 
auch in dem „Verein der Kandidaten der Theologie" zu Halle zur 
Sprache. Die Verhandlungen, die mit lebhaftem Eifer und tüchtiger Sachkenntnis 
geführt wurden, zogen sich durch drei lange Sitzungen hindurch. Und das Er 
gebnis? Man einigte sich endlich auf folgende Thesen: 
1. In der herrschenden Form der Schulaufsicht ist in erster Linie der Grund 
zu suchen für die eingetretene Entfremdung zwischen den Ständen der Lehrer und 
der Geistlichen. 
2. Die Aufhebung der nichtfachmännischen, methodisch-technischen Lokalschul 
aufsicht ist im Interesse der Schule und des Lehrerstandes geboten. 
3. Die Lösung des Schulaufsichtskonsliktes, welche den berechtigten Wünschen 
der Lehrer Rechnung trägt, führt nicht zur Trennung von Kirche und Schule. 
Zu diesen Thesen möchten wir nichts hinzufügen; sie sprechen für sich 
selbst. Hoffen wir, daß das Beispiel der Hallischen Kandidaten vielfache Nach 
ahmung finde. 
5. Zur Einführung des Hauptlehrerfystcms. 
„In vielen Fällen ist der Neid der Vater des Unfriedens. Ja, ja, der 
blasse Neid. Meist sind die Verschwörer gegen das Hauptlehrersystem diejenigen, 
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