Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
die selbst höchst wertig Aussicht haben, Hauptlehrer zu werden. Damit nicht etwa einer 
der Herren Kollegen uns unter den Hauptlehrern suche, sei vorweg bemerkt, daß 
wir es dazu noch nicht gebracht haben. Der Hcmptlehrer erregt schon durch 
seinen Titel, vom Gehalt ganz abgesehen, den Neid seiner Kollegen. Ist das 
etwa nicht der Fall? Wollen wir doch vor allen Dingen ehrlich bleiben und 
uns das eingestehen. Ist es aber nicht eine sehr niedrige Gesinnung, die wir 
sogar an den Tieren hassen und verabscheuen? Wir alle wissen, wozu der Neid 
führen kann. In keinem einzigen Falle ist der Zanksüchtige selbst der schuldige 
Teil. Er beweist seine Unschuld, seine Friedfertigkeit, seine Uneigennützigkeit jedem, 
der es hören will und nicht will. Er sucht überall Gelegenheit und findet sie, 
um seinen Kollegen, den Hauptlehrer, als einen in jeder Beziehung ungenießbaren 
Menschen hinzustellen. Lüge, Heuchelei, Verleumdungssucht sind die getreuen Be 
gleiter des Neides von Anbeginn an gewesen und sind es auch heute noch. Der 
Neidische sucht nicht nur die Kreise der Kollegen auf, seinem geheimen Jngrimme 
Luft zn verschaffen, nein, jede Kneipe, jedes Weib ist ihm recht, so lange er 
Glauben findet. Kollegen! Hand aufs Herz: ist es nicht so? Wenn irgendwo 
in einem Stande, so herrschen Neid, Mißtrauen, unkollegialischer Sinn auch im 
Lehrerstande. Wie mancher unter uns raisonniert und schwadroniert über Un 
kollegialität, und wenn man ihn bei Licht betrachtet, so hat er alle Eigenschaften, 
nur nicht Treue, Selbstlosigkeit, Bescheidenheit, Offenherzigkeit. Wird es einem 
Hauptlehrer gelingen, mit einem solchen Kollegen auf guteni Fuße zu leben? 
Nein, und brächte er Opfer um Opfer, der Neid und der Wolf werden nicht 
satt. „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar 
nicht gefällt." Der Hauptlehrer hat in den meisten Fällen einen sehr schwierigen 
Standpunkt. Man verzeiht ihm einfach seinen Namen nicht. Er unterscheidet 
sich ja in den meisten Fällen durch nichts anderes von seinen übrigen Kollegen. 
Er ist Lehrer. Hat er eine reichere Erfahrung, besseres Talent, oder verfügt er 
über sonstige achtungswerte Vorzüge, so sollte man meinen, das sei geeignet, seine 
Kollegen nur an sich zu fesseln. Gefehlt! Der „Nörgler", lassen wir den Aus 
druck einmal gelten, der vielleicht eben seine Abgangsprüfung bestand, könnte nach 
seiner Meinung ebenso gut Hauptlehrer sein, wie sein um 20 oder mehr Jahre 
im Amte stehender Kollege. Nicht selten glaubt jener sich diesem sogar überlegen. 
Daß hin und wieder ein Hauptlehrer in seinem Umgänge mit den Klassenlehrern 
vorsichtig ist, darüber wundern wir uns gar nicht. Er hat von dem Tage seiner 
Ernennung zum Hauptlehrer reichliche Erfahrungen genug gesammelt, um zu dem 
Schluffe zu kommen, daß es am besten sei, den Umgang mit seinen Kollegen auf 
das notwendige Maß zu beschränken. Dann nennen es die Klassenlehrer oder 
auch viele andere frühere Freunde Überhebung, Stolz. Das ist eine billige 
Redensart. Wer ist am ersten bei der Hand, über Hauptlehrer und Vorgesetzte 
sich zu beklagen? — Fast immer der, der am wenigsten fähig und würdig einer 
bevorzugten Stellung wäre. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er durchaus 
nicht immer Verstand. Das haben wir doch, wenigstens früher, hinlänglich an 
manchen Lokalschulinspektoren erfahren." 
(Rheinisch-Westfälische Schulzeitung. XVII, S. 248.)
	        

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