Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
Rein, Pickel und Scheller: Das erste Schuljahr. Ein theoretisch-praktischer Lehrgang 
für Lehrer und Lehrerinnen, sowie zum Gebrauch in Seminaren. 5. Ausl. X und 
280 S. Leipzig 1893, Heinrich Bredt. 3 M. 
Inhalt: Vorwort. Einleitung. — X. Die Grundlegung. 1. Die Auswahl 
und Anordnung des Stoffes nach den kulturhistorischen Stufen. 2. Die Verbindung der 
Lehrfächer unter einander. 3. Die Durcharbeitung des Lehrstoffes. — 8. Die Aus 
führung. I. Humanistische Fächer: 1. Gesmnungsunterricht. (Die Märchen.) 2. Kunst - 
unterricht, a) Zeichnen, b) Gesang. 3. Sprachunterricht. II. Naturkundliche Fächer: 
l. Naturkunde. 2. Rechnen. — 
Die vorliegende Schrift wurde bei ihrem ersten Erscheinen, im Jahre 1878, in dieser 
Zeitschrift aufs freudigste begrüßt. Dörpfeld, der sie einer eingehenden Besprechung 
unterzog, stellte sie als einen bündigen Absagebrief an den didaktischen Materialismus 
hin, dessen vielfältige Nährquellen und tiefgreifende Schäden er mit kundiger Hand auf 
deckte. Die gewichtige Empfehlung, die das. Buch auf diese Weise erhielt, ist demselben 
sehr zu gute gekommen. Trotzdem es keineswegs eine bequeme Handreichung für den 
täglichen Gebrauch darbietet, erfreut es sich doch einer ungemein großen Verbreitung, 
die als ein Zeugnis dafür gelten kann, daß die Gedanken, die es vertritt, immer mehr 
beachtet und anerkannt werden. 
Die Verfasser haben unausgesetzt die nachbessernde Hand an das Buch gelegt, und 
so erscheint es auch in der vorliegenden fünften Auflage wiederum in vielfach veränderter 
und erweiterter Gestalt. Manches, was in den früheren Auflagen mit unbedingter Ge 
wißheit auftrat, hat eine Einschränkung erfahren: anderes, das früher noch fraglich er 
schien, hat sich auf Grund vertiefter Forschung und an der Hand der Praxis als feste 
didaktische Wahrheit erwiesen. Das Ganze ist litterarisch wohlfundiert, ein Beweis 
dafür, wie umsichtig die Verfasser bei ihrer Reformarbeit vorgehen. 
Der strittigste Punkt des ersten Schuljahres ist die Märchenfrage. In der Neu 
auflage ist die frühere Reihenfolge der Märchen abgeändert worden; den Anfang bilden 
jetzt die Tiermärchen: die „Sternthaler", die früher den bevorzugten Platz am Eingänge 
des Gesinnungsunterrichts einnahmen, sind in die vorletzte Stelle gerückt: neu hinzu 
gekommen sind die „Kornähren" und „Schneeweißchen und Rosenrot". Im übrigen 
aber ist die Stellung der Verfasser in dieser Sache unverändert geblieben. Den Ver 
mittlungsvorschlag, neben den Märchen als dem Stoff des profanen Geschichtsunterrichts 
eine Reihe kindlich gehaltener biblischer Geschichten aus dem Leben Jesu in den Lehrplan 
des ersten Schuljahres einzusetzen, weisen sie nach wie vor zurück. 
Wie begegnen nun die Verfasser dem oft erhobenen Vorwurf, daß bei dieser Stoff 
wahl den Kindern die Gestalt des Heilandes, die das A und O jedes gesinnungs 
bildenden Unterrichts sein müffe, vorenthalten werde? Wohl erkennen sie an, daß das 
Lebensbild Jesu im erstenSchuljahr nicht fehlen dürfe. Aber sie glauben 
für die Weckung und Nährung christlichen Denkens und Fühlens genug gethan zu haben, 
wenn sie den Kindern die centrale Gestalt Christi im Sch ul gottesdien st und bei 
der Weihnachtsfeier vorführen. An Stelle der unterrichtlichen Behandlung wollen 
sie sich mit einer erbaulichen Betrachtung begnügen. Wir können in dieser 
Stellungnahme keine Lösung des hochwichtigen Problems finden. Die Bedenken 
bleiben ungehoben. Eine Erbauung, losgelöst von der klaren Erkenntnis, fußend auf 
unklaren, verschwommenen Vorstellungen, erscheint uns als ein Ding von höchst zweifel 
hafter Güte. Die Verfasser sagen selbst an einer Stelle ihrer Schrift: „Wo man nicht 
mit klaren Begriffen, sondern mehr mit einem dunkeln Gefühl arbeitet, kann das Er 
gebnis kein zwingendes sein." (S. 20.) Es ist eine psychologische Thatsache, daß die 
Wärme und die nachhaltige Kraft der Gefühle ganz abhängt von der Klarheit der Vor 
stellungen. Will man darum den Stoff der biblischen Geschichten zur Anregung reli 
giöser Stimmungen ausnutzen, so sollte man auch die Voraussetzungen dazu schaffen 
und die Notwendigkeit zugeben, diesen Stoff vorher unterrichtlich klarzustellen. 
Und umgekehrt: Hält man die Einführung des biblischen Geschichtsunterrichts in das 
erste Schuljahr für eine pädagogische Verirrung und höchst gefährliche Verfrühung, die 
notwendigerweise Abstumpfung des kindlichen Gemüts zur Folge hat, so sollte man auch 
nicht einer erbaulichen Betrachtung das Wort reden, da ohne Belehrung sich diese ver 
meintlichen Übelstände nur noch verstärken. Mit dem einen steht und fällt nach unserem 
Dafürhalten auch das andere. 
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