Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
Wir verkennen keineswegs die Schwierigkeiten des biblischen Geschichtsunterrichts 
auf der Unterstufe: aber wir beugen uns auch unter die Thatsache, daß namentlich in 
Gegenden mit regem kirchlichem Leben an eine Verdrängung der biblischen Geschichte 
aus dem Schulunterricht nicht zu denken ist, und daß bei dieser Frage die Methodik 
nicht allein entscheiden kann. Eine sorgfältige Auswahl leichtfaßlicher biblischer Ge 
schichten aus dem Leben Jesu hat übrigens vor den Märchen doch auch darin einen be 
deutsamen Vorsprung, daß sie einen Unterrichtsstoff bilden, d e r i n n e r l i ch z u s a m m e n - 
hängt und darum vielseitiger Verknüpfung leicht zugänglich ist, eine 
Eigenschaft, die von den Verfassern der Schuljahre mit Recht als maßgebend für die 
Auswahl der Unterrichtsstoffe angesehen wird, die aber den bunten, vielgestaltigen Mär 
chen in diesem Maße nicht nachgerühmt werden kann. Wir empfehlen also nochmals 
den vermittelnden Vorschlag, neben den Märchen auch den biblischen Geschichten Raum 
zu gönnen im ersten Schuljahr. Der Lehrplan desselben würde dadurch eine Be 
reicherung erhalten, die durch nichts anders ausgewogen werden kann, und die in 
redestehende treffliche Schrift wird dann auch denen in ausgiebiger Weise nützen können, 
die jetzt wegen der bestehenden Schulordnungen nicht den vollen Gewinn daraus ziehen 
können. — 
Es sei uns gestattet, an der Schrift noch einige kleinere Ausstellungen zu machen. 
Wie schon erwähnt, ist in der vorliegenden Auflage die frühere Reihenfolge der Märchen 
wesentlich verändert worden: auch sind zwei Märchen neu hinzugekommen. Man hätte 
nun erwarten sollen, daß die einzelnen Abschnitte des Buches dieser veränderten Sach 
lage Rechnung tragen würden, da die Märchen die didaktische Basis des gesamten 
übrigen Unterrichts bilden sollen. Doch das ist nicht geschehen. Die Teile des Buckes, 
die den naturkundlichen und den Gesangunterricht behandeln, ordnen die Unterrichtsstoffe 
noch an nach der früheren Reihenfolge der Märchen. Dieses Mißverhältnis erklärt sich 
wohl daraus, daß die einzelnen Lehrfächer von verschiedenen Verfassern bearbeitet worden 
sind, hätte aber doch vermieden werden müssen in einer Schrift, die mit solchem Nach 
druck für eine einheitliche Gestaltung des Lehrplans eintritt. 
Um poetischen Stoss zum Deklamieren zu gewinnen, haben die Verfasser sich mit 
Vorliebe den volkstümlichen Kinderreimen zugewendet. Geschöpft haben sie aus den 
Sammlungen von Rochholz, Simrock, Arnim, Frischbier, Firmenich (nicht Firminih), 
Dünger. So gern wir zugeben, daß die Auswahl im allgemeinen mit sicherer Hand 
getroffen ist, so vermissen wir doch den Hinweis darauf, daß bei der Wahl der Kinder 
lieder in allererster Linie die Heimat des Kindes zu berücksichtigen ist. Es hat jede 
Gegend ihre eigentümlichen, originellen Kinderlieder, in denen sich das Denken und 
Fühlen der Jugend am deutlichsten ausspricht, die darum auch als die Stammgüter der 
Heimat das nächste Anrecht auf unterrichtliche Behandlung besitzen. Wer sich der Mühe 
unterzieht, sie zu sammeln, wird erstaunt sein über die reiche Ausbeute, die der erste 
Sprachunterricht hier gewinnen kann. 
Als Mißgriff müssen wir es bezeichnen, daß die Verfaffer unter die zu singenden 
Lieder auch den Choral: Ach, bleib' mit deiner Gnade aufgenommen haben. 
Schon die Anlehnung dieses den innigen Gebetston anschlagenden Liedes an das 
Märchen: Der Wolf und die sieben jungen Geislein erscheint uns verfehlt. 
Aber auch abgesehen davon halten wir das Lied seinemJnhalt nach für viel zu 
abstrakt und seiner Form nach für zu kompliziert, als daß es der eng be 
grenzte kindliche Geist, der noch ganz am Konkreten haftet, erfassen könnte. Die Aus 
drücke „Gnade", „des bösen Feindes List," „das Wort des Erlösers wert," „uns sei 
Gut und Heil beschert" liegen völlig jenseit des kindlichen Verständnisses. Die Folge 
wird sein, daß das Kind die einzelnen Strophen völlig gedankenlos hersagt oder den 
Worten einen ganz anderen Sinn unterlegt. Die vorzeitige Einübung und Verwendung 
abstrakter religiöser Begriffe hat dann noch den besonderen Nachteil, daß die Schüler 
sich angewöhnen, mit ihnen als mit geringwertigen Scheidemünzen umzugehen, so daß 
sie später, wenn ihnen der tiefere Sinn erschlossen wird, sich leichtfertig darüber hin 
wegsetzen. Freilich ist eine passende Auswahl von Kirchenliedern für die Unterstufe eine 
überaus schwierige Sache. Die Kirchenlieder sind die lyrischen Ergriffe frommer Christen 
seelen: sie setzen eine gereiste Lebenserfahrung voraus und sind darum wenig im Sinne 
der Kinder gehalten. Das ist ein Hinweis darauf, daß man sich in dieser Beziehung 
sehr beschränken muß. Es wäre wohl am besten, man verzichtete für das erste Schul 
jahr auf die Einübung von Kirchenliedern: die religiöse Erziehung des Kindes würde 
dadurch nichts einbüßen. Wir halten dafür, daß sie hier weit weniger am Platze sind.
	        

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