Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die psychologisch-pädagogischen Grundsätze Dörpfelds. f 337 
ist, so wird man nicht gewillt sein, hier etwas abzustreichen. — Wenn 
nun auch auf diese Weise für unsere Forderung nichts mehr gewonnen 
werden kann, so ließe sich vielleicht in den für den Sprachunterricht an 
gesetzten Stunden selbst mehr lesen als bis jetzt geschieht. In denselben 
ist eine zwiefache Aufgabe zu lösen, der Inhalt der Lesestücke muß zum 
Verständnis des Schülers gebracht werden, und die Schüler müssen sich 
im Lesen üben. Wollte man nun hier die Leseübung vermehren, so 
müßte man die Erklärung beschränken, mithin würde der Schüler nur 
Halbverstandenes lesen, und das wird niemand befürworten wollen. Dazu 
ist noch zu bedenken, daß bei diesem Lesen jedes einzelne Kind nur wenig 
an die Reihe kommt, und also auch daher die Übung nur eine geringe ist. 
— Nun könnte man daran denken, das häusliche Lesen mehr in Dienst 
zu nehmen. Aber auch dieser Gedanke ist auf dem Boden des eigentlichen 
Sprachunterrichts nicht wohl ausführbar. Denn da ein vermehrtes häus 
liches Lesen auch ein vermehrtes Durchsprechen der Lesestücke bedingt, dafür 
aber einfach keine Zeit ist, so ist auch dieser letzte Ausweg abgeschnitten, 
und .daraus ergiebt sich, daß es nicht möglich ist, das häusliche Lesen mehr 
auszunutzen, als es bis jetzt der Fall ist. 
Demnach steht fest: Es ist nicht möglich, den Kindern durch den 
Sprachunterricht mehr Gelegenheit zum Sprechen wie zum Lesen zu geben, 
als bisher geschehen; mithin ist auf diesem Wege ein höheres Maß von 
Fertigkeit (Können) in der Aussprache nicht zu erreichen. 
Es würde noch zu untersuchen sein, ob nicht mehr memoriert 
werden könnte als bis jetzt? Bedenkt man aber, was alles das Kind in 
Religion, im belletristischen Lesebuch und im Gesang zu memorieren hat, 
so ist damit gewiesen, daß man dem Schüler in diesem Stücke nicht auch 
noch weitere Leistungen zumuten darf, wenigstens nicht als häusliche Aufgabe. 
Somit ist ausgemacht: Auf dem Boden des eigentlichen Sprachunter 
richts läßt sich weder mehr im Sprechen, noch im Lesen, noch im Memo 
rieren leisten als bisher geschah, und somit läßt sich von dort aus eine 
größere Fertigkeit in der Mundsprache nicht erzielen. 
Glücklicherweise giebt es doch noch eine Stelle, wo das so wichtige 
Lesen und Memorieren eine größere Ausdehnung gewinnen kann und zwar 
ohne Beeinträchtigung irgend einer andern Lernaufgabe. Diese Stelle ist 
der gesamte Sachunterricht. 
• Bei einer sachunterrichtlichen Lektion ist natürlich die erste Aufgabe 
des Lehrers die, daß er den betreffenden Stoff zur deutlichen Anschauung 
bringe. Ich nehme an, daß dies, sowie die erste Wiederholung, vermittelst 
des freien mündlichen Wortes geschehe, wobei in der Naturkunde selbst 
verständlich die Objekte sinnlich vorzuführen sind. Diese einmalige Repetition
	        

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