Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Zur Reform der Klassenorganisation. 
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Fächern, mindestens aber in Religion, Deutsch und Geschichte erteilt, an die Fach 
lehrer aber solche Disciplinen abgetreten werden, welche entweder am leichtesten 
zu isolieren sind oder für deren Betrieb eine besondere Beanlagung erforderlich 
ist, wie Gesang, Turnen und Zeichnen. Jedoch auch die Fachlehrer sollen dieselben 
Schüler in aufsteigenden Klassen vom ersten Auftreten des Faches bis zum Ende 
der Schulzeit unterrichten. 
Aus dem reichen Inhalt der Abhandlung, deren Hauptgedanken durch den 
Referenten Herrn Hauptlehrer Kirberg der Konferenz vorgetragen wurden, und 
der sich an das Referat anschließenden Besprechung mögen einige wesentliche Punkte 
hervorgehoben werden, um den Leser zum Studium der Tews'schen Arbeit an 
zuregen. 
Die sittliche Erhebung einzelner Menschen, wie ganzer Völker vollzieht sich 
nur langsam und allmählich. Eins der ersten Motive, das Gute zu thun und 
das Böse zu meiden, ist die Furcht vor der Strafe. Unter Donner und Blitz 
wurde das Sittengesetz den Kindern Israel gegeben, damit des Herrn Furcht 
ihnen stets vor Augen wäre, denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. 
Das ist aber das Ziel der Erziehung, einen Charakter zu bilden, der das Gute 
aus Liebe zum Guten, oder in religiöser Sprache ausgedrückt: um Gottes willen 
thut, und das Böse um seiner selbst willen verabscheut. Die Liebe ist des Ge 
setzes Erfüllung. So befolgt auch das Kind anfangs die sittlichen Vorschriften 
nur, weil es die Erfahrung gemacht hat, daß dem Ungehorsam die Strafe folgt. 
Aber schon bald keimen in dem jungen Herzen die Gefühle der Liebe und des 
Vertrauens zu seinen Eltern, und das Kind meidet nunmehr das Böse, um 
Vater und Mutter nicht zu betrüben, es thut das Gute, um sie zu erfreuen. 
Die Eltern sind das Gewissen des Kindes. Es ist dies ein notwendiger Durch- 
gangspunkt zur Stufe der reinen Sittlichkeit. Darum muß der Lehrer, wenn er 
seine volle erziehliche Macht entfalten will, darauf bedacht sein, sich die Liebe und 
das Vertrauen der Schüler zu erwerben. Dann erst vermag er seine Geistes- 
richtuug ihnen mitzuteilen, indem sie, wie von einer sanften geheimen Gewalt ge 
trieben, ihr Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben mit dem ihres liebgewonnenen 
väterlichen Freundes in Einklang zu setzen suchen. Das ist aber bei einer so 
flüchtigen Berührung, wie sie das Wechselsystem bietet, gar nicht möglich. Alle 
hochstehenden moralischen Verhältnisse werden erst durch die Zeit gefertigt und ge 
heiligt. In einem Hause, wo Dienstboten, Gehilfen, Freunde rc. wechseln, wie 
das Publikum in den Wartesälen der Bahnhöfe, fehlen Liebe, Treue, Teilnahme, 
Freundschaft, es fehlen die idealen Bande. Nur der gegenseitige Vorteil, der 
Egoismus hält die Personen an einander. Von einer Hingabe des einen an den 
andern ist nirgends die Rede. So geht es auch in den Schulen mit wandernden 
Schülern und festgenagelten Lehrern. Eine über die Schulzeit hinaus dauernde 
Anhänglichkeit vermag zwischen beiden nicht aufzukommen. 
Gesetzt aber, es wäre dem Lehrer gelungen, wenigstens die ersten Spuren der 
Liebe und des Vertrauens in seinen Zöglingen hervorzurufen, so wird doch dieses 
Band am Schlüsse des Schuljahres unbarmherzig zerrissen. Die Mehrzahl der 
Kinder scheidet in dem Gefühl des Glückes, in gehobener Stimmung, denn bei 
ihrem Lehrer zu bleiben ist eine Schande, die nur die Dummen und Trägen 
trifft. Dadurch wird das Gemüt der Kinder abgestumpft, und die edelsten Ge 
fühle, die Dankbarkeit gegen Wohlthäter, die Liebe zum Freunde, werden dem 
schnöden Begriffe von höher und tiefer geopfert.
	        

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