Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Als einen bedeutsamen Faktor für das Gelingen der pädagogischen Thätig 
keit betrachten alle Pädagogen, wie weit ihre Ansichten in methodischen Fragen 
auch auseinandergehen mögen, den direkten erziehlichen Einfluß, der von der Person 
des Lehrers ausgeht. Und das mit Recht. Nicht an abstrakten sittlichen Ideen, 
sondern an Menschen, in welchen diese Ideen zur Erscheinung kommen, wächst der 
Mensch empor zur Menschengestalt. Dieser Einfluß der Persönlichkeit kann aber 
bei unserm jetzigen Klassensystem nicht zur rechten Wirkung gelangen, weil das 
Kind den vorbildlichen Wert des Lehrers in der kurzen Zeit, die es bei demselben 
zubringt, nicht genügend erkennen kann. Das Kind muß sich seine Lehrerpersön 
lichkeit, au die es glaubt und nicht glaubt, die es liebt und nicht liebt, durch eine 
Menge von Einzelbeobachtungen aufbauen, ähnlich wie die Begriffe aus den An 
schauungen. Es muß seinen Lehrer erst in verschiedenen Lagen beobachtet haben, 
ehe es sich ihm ganz hingeben kann. Daß dies oft so spät geschieht, liegt an der 
Einseitigkeit des Schullebens. Alle besondern Vorfälle, wie Ausflüge, Feste, Er 
eignisse im Familienleben der Kinder, nähern darum Lehrer und Schüler oft 
mehr, als wochenlanger Unterricht. 
Ebenso wichtig sind diese Gelegenheiten auch für den Lehrer, um den mora 
lischen Geisteszustand seiner Schüler zu erkennen, damit er die demselben ent 
sprechenden Maßnahmen der Zucht zur Anwendung bringen kann. Gerade zu 
Anfang des Schuljahres, wo beide Teile einander noch fremd gegenüber stehen, 
kommen die meisten Unzuträglichkeiten vor. Einmal hat sich der Schüler noch 
nicht in die Eigenheiten des Lehrers gesunden, diese haben für ihn ihren Störuugs- 
wert noch nicht verloren, und zuni andern ist der Lehrer aus Unkenntnis der 
Eigenart des Zöglings leicht geneigt, kleineren Vergehen desselben eine böswillige 
Absicht unterzulegen und sie darum härter zu bestrafen, als wenn er den Schüler 
genauer kennen gelernt hat, daher denn um diese Zeit nicht selten Klagen wegen 
Überschreitung des Züchtigungsrechtes einlaufen. 
Jeder Lehrer hat seine Schwächen und Gebrechen. Obwohl der Schüler ein 
scharfes Auge für dieselben besitzt, werden sie ihm doch um so weniger auffallend 
und störend entgegentreten, je länger er bei demselben Lehrer verweilt. Dieser 
Blick wird aber um so schärfer, je mehr er Gelegenheit bekommt, sich zu üben, 
d. h. je mehr Lehrern der Schüler durch die Hände geht. Der stete Wechsel 
fordert die Kritik der Schüler geradezu heraus, und nicht selten kommt dieselbe 
in unehrerbietigen und spöttischen Bemerkungen zum Ausdruck. Dadurch wird die 
Autorität des Lehrers schwer geschädigt und den Gefühlen der Anhänglichkeit von 
vorneherein der Boden entzogen. Statt dessen entsteht eine Gleichgiltigkeit, die 
bei manchen Kindern in offenen Widerstand ausartet. 
Das Klassensystem mit seinen jährlichen Versetzungen ignoriert also das 
ethische Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern nicht nur vollständig, sondern 
arbeitet auch der Ausbildung eines solchen mit allen Kräften entgegen uud läßt 
den erziehlichen Einfluß der Lehrerpersönlichkeit nicht zur vollen Geltung gelangen. 
Wie in erziehlicher so ist auch in unterrichtlicher Hinsicht der jährliche Lehrer 
wechsel von großem Nachteil. Willmann sagt in seinen pädagogischen Vorträgen: 
„Wenn Rousseau 'bei der Erziehung Emils die Eltern ausgeschlossen und alle 
erziehliche Macht auf den Lehrer konzentriert wissen will, so liegt dieser Verirrung 
doch die richtige Anschauung zu Grunde, daß Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit 
in Plan und Maßnahmen 'eine wesentliche Bedingung für das Gelingen des Er 
ziehungswerkes sei." Die letzte Bemerkung gilt auch für den Unterricht. Wissen
	        

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