Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Zur Reform der Klasseuorganisation. 
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und Können, Geisteskraft und Interesse können nur dann stetig wachsen, wenn 
das Neue an das bis dahin Erworbene sorgfältig und planmäßig angeschlossen 
wird. Das System des jährlichen Lehrerwechsels trägt aber dem Zusammenhang 
und der Einheitlichkeit viel zu wenig Rechnung. 
Zunächst erhebt sich gegen die Bersetzungen am Schlüsse des Schuljahres 
das Bedenken, daß die Lehrer einer vielklassigen Schule, die sich an derselben aus 
den verschiedensten Gegenden zufällig zusammengefunden haben und die in ver 
schiedenen Seminarien vorgebildet worden sind, auch in didaktischen und metho 
dischen Fragen die mannigfaltigsten Ansichten ausweisen. Freiheit in der Methode, 
besonders in Unterrichtsgaug und Stoffauswahl kaun niemanden zugestanden werden, 
wenn die notwendige Einheitlichkeit gewahrt bleiben soll. Daher muß durch Be 
sprechungen, Beschlüsse und wenn das nicht hilft, durch Anordnungen des Leiters 
für eine straffe Uniformierung gesorgt werden, die sich bis auf die Formen im 
Rechnen, die Züge der Schrift, die Terminologie in den einzelnen Fächern, die 
Korrektur der Aufsätze rc. erstreckt, eine Fessel, welche die strebsamsten Lehrer am 
meisten drückt und, da in der Individualität, die sich auch in pädagogischen An 
sichten ausprägt, die stärkste Seite der Persönlichkeit liegt, gerade die besten Kräfte 
des Lehrers lahm legt. 
Doch auch bei der straffsten einheitlichen Regelung kann es nicht verhindert 
werden, daß der Unterrichtsfaden bei jeder Versetzung zerrissen und dem Lehrer 
die Anknüpfung des Neuen an das verwandte Alte erschwert wird, so daß manche 
Resultate des vorausgegangenen Unterrichts unbeachtet liegen bleiben, und Herbart 
macht deshalb den Schluß: Das Klassensystem zerreißt den Faden des Unterrichts 
eben so oft, als der Schüler versetzt wird; nun muß aber der Unterricht ein 
Kontinuum sein; folglich taugt das Klasseusystem nicht. (Pädagog. Gutachten über 
Schulklassen und deren Umwandlung rc. Seite 258, auch 269. Ausg. von Bar- 
tholomäi.) Man verweise nicht auf den Lehrplan. Derselbe kann auch bei der 
größten Ausführlichkeit nur die Angabe des Stoffes enthalten, nicht aber die Art 
und Weise der Durcharbeitung, durch welche sein Bildungsgehalt dem Schüler 
erschlossen und zugänglich gemacht, der Lehrstoff erst in geistige Kraft umgesetzt 
wird. Auf welchem Wege die Schüler den Stoff erworben haben, welches andere 
Lehrmaterial mit ihm in Beziehung gesetzt worden ist, was sie daraus abstrahiert 
haben und in wie weit sie das gewonnene begriffliche Material im Gebrauch wirklich 
beherrschen können, das läßt sich im Lehrplan nicht einmal andeuten. Um das 
zu erkennen, bedarf es einer fortgesetzten längeren Beobachtung der Schüler. Darum 
sind in unserm jetzigen System grobe Täuschungen über einzelne Kinder kaum 
zu vermeiden. Da sitzt neben einem Schüler, der seine häuslichen Arbeiten nicht 
nur ausführlich und richtig, sondern auch in schöner Schrift und übersichtlicher 
Darstellung anfertigt, ein anderer, dem von der Natur eine besondere Beanlagung 
für das Schönschreiben versagt ist. Die Arbeiten des ersten treten mehr hervor, 
machen einen gewinnenden Eindruck und werden infolge dessen besser censiert, als 
die des anderen. Eines guten Tages aber stellt es sich zur Beschämung des Lehrers 
zufällig heraus, daß jener seine Rechenaufgaben und Aufsätze stets von seinem 
Nebenmanne, dem er vielleicht noch als Muster vorgehalten wurde, abgeschrieben 
hat und nicht im Stande ist, die einfachste Aufgabe selbständig zu lösen. Und 
derartige Fälle wiederholen sich nach jeder Versetzung. Am schlimmsten fahren 
dabei die Schwachbegabten, welchen eine ununterbrochene Fürsorge am meisten 
not thut.
	        

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