Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

348 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Im letzten Schuljahre tritt die mathematische Geographie im Lehrplan auf. 
Der Unterricht muß sich auf ein reiches Erfahrungsmaterial stützen, wenn die 
Schüler nicht, wie Pestalozzi sich einmal ausdrückt, zu Packeseln des Maul 
brauchens gemacht werden sollen. Die Lehrer der untern Klaffen werden, auch 
wenn sie den guten Willen haben, die dahingehörenden Erfahrungsthatsachen nicht 
mit derselben Hingebung von den Schülern sammeln und wieder beobachten lassen, 
als wenn sie mit diesen bis zur ersten Klaffe aufrückten. Der Blick des Lehrers 
ist eben vorzugsweise auf die Absolvierung des Klassenpensums und nicht in die 
Zukunft gerichtet. Und wie sollen beim Klaffenwechsel diese Beobachtungen syste 
matisch fortgesetzt und ausgebeutet werden? Der Nachfolger weiß oft von den 
Wochen- und monatelangen Beobachtungen und Aufzeichnungen gar nichts. Alle 
Arbeit ist vergeblich und die Einzelheiten, so anziehend sie auch sein mögen, werden 
von dem Kinde vergessen, ohne zur Erzeugung eines allgemeinen Wissens ausgenutzt 
zu werden. Dann wissen die Schüler später wohl von Rotationen und Revolu 
tionen zu sprechen, den Lauf der Sonne in der Ekliptik und die Mondphasen zu er 
klären, aber zu welcher Tageszeit das letzte Mondviertel sichtbar ist, oder in welcher 
Himmelsgegend die schmale Sichel des Neumondes erscheint, das fragt man sie 
vergeblich. Ähnlich geht es in andern Fächern. Wenn ich die Klasse durchführe, 
sagte ein Lehrer in der Debatte, so nehme ich mir auch die Mühe, meine Schüler 
in den Freistunden nacheinander einzeln oder in kleinen Gruppen an einen Bienen 
stand zu führen, damit sie das Treiben dieser Tiere aus eigener Anschauung 
kennen lernen; führe ich sie aber nicht durch, dann begnüge ich mich mit dem, 
was die Pensenverteilung vorschreibt. 
Auf dem Mangel an Einheitlichkeit und Zusammenhang des Unterrichts 
beruhen zum Teil auch die oft recht kläglichen Resultate der 8jährigeu Schulzeit. 
Weil die einzelnen Teile nicht fest genug zusammengefügt sind, so stürzt der stolze 
Kenntnisbau bald nach der Entlassung der Schüler zu einem elenden Trümmer 
haufen zusammen. 
Nicht allein in Rücksicht auf die Schüler, sondern auch um ihrer selbst willen 
sollten die Lehrer auf eine Beseitigung des Wechselsystems dringen. Bei der jetzigen 
Klassenorganisation wird dem Lehrer jeder persönliche, selbständige Wert genommen, 
als ein willenloses Rad muß er sich dem Getriebe einer vielklassigen Schule ein 
fügen lassen. Nicht dem Leiter der Anstalt ist hierfür ein Borwurf zu machen, 
nicht dieser sondern die unnatürlichen Verhältnisse sind es, die den Lehrer zwinge», 
sich jeglicher Freiheit in Stoffauswahl und Anordnung zu begeben. Die unnatür 
lichen Verhältnisse sind es ferner, die eine gerechte Beurteilung der Lehrerthätigkeit 
fast unmöglich machen, wenigstens sehr erschweren. Wofür der Lehrer gelobt wird, 
das verdankt er vielleicht der treuen und geschickten Arbeit seines Vorgängers; 
wofür er getadelt wird, einer Vernachlässigung desselben. Dadurch wird das 
Gefühl der Verantwortlichkeit in dem Lehrer untergraben, seine Amtstreue und 
Amtsfreudigkeit werden herabgedrückt. Außerdem erzeugt das Wechselsystem An 
klagen gegen andere, und es ist eine unerschöpfliche Quelle kollegialischen Haders. 
In der letzten Sitzung wurden die Gründe besprochen, die gegen die Durch 
führung der Schulklassen geltend gemacht werden können. Zu diesen ist zunächst 
der große Schülerwechsel in Groß- und Mittelstädten zu rechnen, der die Vorteile 
dieses Systems in manchen Fällen illusorisch macht. Aber, so wurde in der De 
batte richtig bemerkt, wenn 48 Schülern die Wohlthaten einer besseren Organi 
sation nicht zu gute kommen, sollen die übrigen 12 sie deshalb auch entbehren?
	        

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