Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Zur Reform der Klassenorganisation. 
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Zudem würde» die Eltern einen Schulwechsel weit mehr vermeiden, wenn ihr 
Kind die ganze Schulzeit hindurch unter derselben Leitung bliebe. Ferner kommt 
in betracht, daß die Schüler nach Anlagen und Fleiß und dem entsprechend auch 
in ihren Leistungen und Fortschritten sehr verschieden sind, so daß die Schüler 
einer Klasse doch durch die Versetzungsprüfungen bald von einander getrennt 
würden. Jedoch werden Kinder, die wegen längerer Krankheit hinter ihren Mit 
schülern zurückgeblieben sind und die jetzt meistens nicht mit aufrücken, auch größere 
Versäumnisse bald einholen, da der mit den Verhältnissen vertraute Lehrer die 
wesentlichen Lücken mit geringer Mühe ausfüllen kann. Mangelhaft beanlagte 
Schüler dagegen könnten gleich nach dem ersten Schuljahre mit den neu eintretenden 
wieder von vorne anfangen. Dadurch erhielten sie einen um so gründlicheren 
Unterbau und würden dann wohl mit den andern gleichen Schritt halten. Un 
fleißige Schüler aber würden sich mehr als bisher anstrengen, da bei Durchführung 
der Klassen die Rückversetzung eine ungleich härtere Strafe ist, als bei einem 
System, welches Lehrer und Schüler jährlich auseinanderreißt. Dem Einwurf, 
daß bei Einführung der von Tews vorgeschlagenen Reform Erziehung und Unterricht 
in Einseitigkeit versinken müßten, wurde entgegengehalten, daß bei dieser Organisation 
das Fachlehrersystem ebenso unentbehrlich ist, wie bei der heutigen, und daß 
außerdem durch die Einflüsse der Miterzieher, nämlich der Eltern, des Gesindes, 
der Mitarbeiter, der Umgebung rc., deren Macht oft unterschätzt wird, einer 
einseitigen Erziehung ein Gegengewicht geboten wird. Wie traurig müßte es sonst 
in dieser Beziehung in den einklassigen Schulen aussehen. Als ein weiterer Grund 
gegen die Klassendurchführung wird angeführt, daß unter den Lehrern die Lehr 
befähigung verschieden ist, indem einige sich besonders für Unter-, andere mehr für 
Oberklassen eignen. Hierbei ist aber zu beachten, daß in vielen Fällen diese ein 
seitige Befähigung des Lehrers durch langjährige, ausschließliche Beschäftigung in 
ein und derselben Klasse erst großgezogen und hinterher als Grund angeführt 
wird, den Lehrer nicht in höhere Klassen aufrücken zu lassen. Sodann wurde 
darauf hingewiesen, daß der Lehrer bei längerem Verweilen in einer Klasse manche 
Erfahrungen macht, die sich im folgenden Jahre gleich verwerten lassen. Hat z. B. 
ein Lehrer der Unterklasse im 1. Jahre den Rechenunterricht im Anschluß an 
Zahlbilder, im 2. Jahre mit Hilfe des Tillich'schen Rechenkastens erteilt, so kann 
er die Resultate beider Weisen mit einander vergleichen, seine Theorie berichtigen 
und dadurch im 3. , Jahre den Rechenunterricht um so erfolgreicher gestalten. 
Andere Erfahrungen dagegen lassen sich auch bei durchgeführten Klassen in den 
nachfolgenden Schuljahren verwerten. Ferner wird für den Lehrerwechsel geltend 
gemacht, daß der Lehrer durch längeres Arbeiten auf derselben Stnfe den Unter 
richtsstoff zum Vorteil der Schüler wissenschaftlich und methodisch besser beherrschen 
lerne. Dagegen läßt sich jedoch einwenden, daß das erste Ersordernis für einen 
erfolgreichen Unterricht die Kenntnis des Geisteszustandes der Schüler ist und 
diese bei durchgeführten Schulklassen leichter und gründlicher erworben wird, daß 
ferner die Form des Unterrichts für alle Fächer und Stufen gleich bleibt, weil 
die psychologischen Gesetze der Aneignung dieselben sind, Die Schwierigkeit also nur 
darin besteht, diese Form mit Inhalt zu erfüllen. Da aber die einzelnen Fächer 
im Laufe der Schulzeit nach und nach auseinander treten, so ist dem Lehrer da 
durch die Möglichkeit gegeben, sich mit den theoretischen Grundlagen auch nach und 
nach genauer bekannt zu niachen, während er bei dem jetzigen System in Gefahr 
gerät, allmählich einem gewohnheitsmäßigen Schlendrian zu verfallen.
	        

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