Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Ob diese Gründe schwer genug in die Wagschale fallen, um die Frage nach 
Durchführung der Schulklassen verneinen zu müssen, möge der Leser selbst ent 
scheiden. Die Konferenz war einstimmig gegenteiliger Ansicht. 
Als Normalschule sieht Tews die acht- oder siebeuklassige Schulanstalt an, weil 
nur in dieser eine völlig ungestörte Ausführung des oben gekennzeichneten Systems 
möglich ist. Doch sind in wenigklassigen Schulen, wie aus den der Abhandlung 
beigefügten Tabellen ersichtlich ist, die Störungen nur geringe. So würde z. B. 
bei der vierklassigen Schule, die Dörpfeld unter Zugrundelegung der bestehenden 
Verhältnisse als Normalschule betrachtet, sowie bei der dreiklassigen Schule der 
einzige Umstand Bedenken erregen, daß jeder Lehrer in jedem 8. Jahre das 8. und 
1. Schuljahr «gemeinschaftlich unterrichten müßte. 
Die Frage der Schul- und Klassenorganisation ist auch auf dem 8. deutsche» 
Lehrertage zu Berlin erörtert worden. Die für diese Versammlung festgestellten 
Leitsätze haben folgenden Wortlaut: 
1. Die Volksschule kann ihre erziehliche und unterrichtliche Aufgabe nur er 
füllen, wenn Schule und Haus, Lehrer und Schüler in eine dauernde innige 
Verbindung treten und zu einer pädagogischen Gemeinschaft verwachsen, die über 
das Schulleben und die Schuljahre hinausreicht. 
2. Derartige pädagogische Gemeinschaften können sich der jetzigen flüchtigen 
Berührung, wie sie durch die jährlichen Versetzungen von einem Lehrer zum andern 
besonders in vielklassigen Schulen großer Ortschaften bedingt wird, nicht entwickeln. 
3. Mit der längeren Dauer erhöht sich in der Regel auch der ethische und 
intellektuelle Wert der pädagogischen Gemeinschaften, weswegen diese unter normalen 
Verhältnissen vor Erreichung der gesteckten Ziele nicht gelöst werden sollten. 
4. Betreffs des Unterrichts gilt Herbarts Wort: Das Klassensystem zerreißt 
den Faden des Unterrichts bei jeder Versetzung; nun muß aber der Unterricht ein 
Kontinuum sein; folglich taugt das Klassensystem nicht. 
5. Die Durchführung der Volksschulklassen vom 1. bis zum 8. Schuljahr, 
bezw. bis zum Übertritt in andere Anstalten ist mithin als die normale Ein 
richtung zu betrachten. 
6. Die in einzelnen deutschen Volksschulen gebräuchliche Durchführung durch 
2 bis 4 Jahreskurse ist dem jährlichen Lehrerwechsel gegenüber bereits als ein 
Fortschritt zu betrachten. 
7. Der 8. deutsche Lehrertag empfiehlt den Schuldirigenten, an ihren An 
stalten der Weiterführung der Klassen seitens einzelner Lehrer ohne zwingende 
Gründe nicht entgegenzutreten. 
Es ist erfreulich, daß man in Lehrerversammlungen den notwendigen Grund 
lagen unserer Schulthätigkeit größere Aufmerksamkeit zuwendet. Möchte das Interesse, 
welches die von Tews angeregte Frage der Klassenorganisation in Lehrerkreisen 
gefunden hat, sich auch weiterhin auf das wichtigere und schwierigere Problem der 
Schulversassung ausdehnen, denn auf diesem Gebiete thut es besonders not, daß 
wir Lehrer zu einer selbständigen, nicht im Banne einer einseitigen politischen 
Parteirichtung, sondern auf dem Grunde der Pädagogik stehenden Ansicht ge 
langen. Dams.
	        

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