Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

360 
TI. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
als ein Streben der Seele zurück. Dieses Streben ist seiner Natur nach stets 
dasselbe, weil es unter denselben Bedingungen zu stände kommt. Von Harmonie 
und Disharmonie der Strebungen kann, wenn man bloß die formale Seite ins 
Auge saßt, nicht die Rede sein. 
Bei der Idee der Billigkeit handelt es sich um die absichtliche Zufügung 
von Wohl oder Wehe, das dieser Absicht gemäß empfunden wird. Ein Wohl 
oder Wehe wird doch niemand als etwas bloß Formales bezeichnen wollen. Wenn 
aber die formale Natur dieser Idee daraus gefolgert wird, daß sie sich auf eine 
Störung gründet, so ist doch leicht einzusehen, daß die Willen mehrerer Personen 
bloß als Form, als Seelenregung gedacht, sich gar nicht stören können, weil sie 
in diesem Falle bloß innerliche Akte darstellen, die gar nicht in Beziehung zu treten 
vermögen, weil eben das Medium (Wohl oder Wehe) fehlt, ohne welches eine 
Handlung, also das Übergreifen eines Willens in die Sphäre einer anderen Per 
sönlichkeit, gar nicht denkbar ist. — Übrigens ist nicht bloß die Idee au sich, 
sondern auch ihre praktische Weisung in Betracht zu ziehen, also die nicht 
zu umgehende Frage: „Wie wird das durch die Störung verursachte Mißfallen 
beseitigt?" Diese Frage führt mit Notwendigkeit auf die Vergeltung hin. Daß diese 
aber nicht getrennt werden kann von der Materie des Willens, liegt auf der Hand. — 
Wenn schließlich noch die formale Natur der Herbartischen Ethik gefolgert 
werden soll aus ihrer Einordnung in das Gebiet der Ästhetik, so ist auch da 
gegen Widerspruch zu erheben. Hat es wirklich die Ästhetik, wie behauptet wurde, 
nur mit Formen zu thun? Das ist wohl noch keine ausgemachte Sache. Nach 
Kant hat es die Ästhetik allerdings zu thun mit der Zweckmäßigkeit der 
Form, nach Hegel dagegen mit der Idee in der Form begrenzter Er 
scheinung. Nach Herbart beschäftigt sich die Ethik im besonderen mit Willens- 
Verhältnissen. Die praktischen Ideen oder Willensv erhältnisse haben zur 
Voraussetzung: 1. zwei Willen, 2. eine solche Beziehung dieser Willen, daß da 
durch ein unwillkürliches Ge- oder Mißfallen hervorgerufen wird. Da nun die 
absolute Billigung oder Mißbilligung in den weitaus meisten Fällen von dem 
Inhalt der Willen abhängig ist, so ist gewiß, daß die Verhältnisse einen realen 
Inhalt haben können und daß sie ihn zumeist wirklich haben. Sollte die 
Behauptung aber richtig sein, daß es die Ästhetik nur mit Formen zu thun habe, 
so wäre zunächst nur daraus zu folgern, daß die Ethik nicht den richtigen Platz 
einnimmt im philosophischen System Herbarts, dann müßte sie ihre Stelle nicht 
in sondern neben der Ästhetik finden. 
Anmerkung der Schriftleitung: Wir teilen diesen sich nicht streng im Rahmen der 
wirklich stattgehabten Diskussion haltenden Bericht gern mit, um den Finger auf einige 
Fragen oder Schwierigkeiten der Herbartschen Ethik zu legen, über die noch eine größere 
Klärung oder Verständigung herbeigeführt werden müßte. Das Dörpfeldsche Sckulblatt 
muß bemüht sein, die Diskussion über die ethischen Grundfragen in Fluß zu erhalten und 
immer fruchtbarer zu gestalten. Wenn Dörpfeld mit seinen ethischen Untersuchungen vor 
allem darauf zielt, den Eudämonismus zu entwurzeln, so setzen wir seine Arbeit für die 
Herbartsche Ethik gedeihlich nur so fort, daß wir uns allen Ernstes und Fleißes mit 
der zeitgenössischen eudämonistischen Ethik auseinandersetzen. 
Kleine Chronik. 
1. Jur SchulauMtsfrage. 
Über diesen Gegenstand hielt Professor Dr. W. Rein aus Jena im Mai 
1894 einen Vortrag in den Kaisersälen in Halle. Der Vortrag ist jetzt bei
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.