Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Kleine Chronik. 
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Die einheitliche Grundlage aber des stolzen, weitverzweigten Gebäudes, das 
unser Bildungswesen beherbergt, muß in der allgemeinen Volksschule gesehen 
werden. Für alle Kinder des Volkes, stammen sie aus reichen oder armen, aus 
vornehmen oder niederen Häusern, soll eine allgemeine Grundschule den gemein 
samen Ausgangspunkt bilden, die gemeinsame Wurzel, aus der verschiedene Stämme 
sich abzweigen. Diese Grundschule soll die Verkörperung des Gedankens sein, 
daß vor Gott alle gleich sind, daß sie einem Volke angehören. Das Gefühl der 
Zusammengehörigkeit soll die Zöglinge dann begleiten, wenn auch die einzelnen 
später auseinander gehen und in verschiedenen Zweigen arbeiten. Die allgemeine 
Volksschule möge dem gesamten Volke sichtbarlich zeigen, daß bei aller Ver 
schiedenheit des Vermögens und der Lebensstellung doch das rein Menschliche auch 
seine Stätte finden kann und muß. Wo es unterdrückt wird, da schießen leicht 
Eitelkeit und Selbstsucht, Stolz und Habgier ins Kraut. Die allgemeine Volks 
schule ist ein Mittel, den Gedanken wach zu halten, daß wir alle Kinder eines 
Volkes sind, die treu zusammenstehen sollen in Freud und Leid, die einander 
tragen und helfen sollen zum Wohle des Ganzen. 
Freilich, soll dieser Gedanke fest Wurzel schlagen in den Herzen der Kinder, 
so darf die Zeit des gemeinsamen Umgangs, der gemeinsamen Schularbeit nicht 
zu kurz bemessen sein. Tiefere Gefühle pflegen doch erst nach längerem Umgang 
sich einzunisten und feste Gewohnheiten erst nach längerer Übung zu entstehen. 
Deshalb, meinen wir, genügt ein dreijähriger Elementar-Kursus — wie er jetzt 
für alle Schulen besteht — nicht, sondern es müßte wenigstens ein fünfjähriger 
allgemeiner Kursus eingerichtet werden. 
Selbstverständlich ist bei solcher Einrichtung kein Platz mehr für die sogenannten 
„Vorschulen". Sie sind im wesentlichen ein Erzeugnis der Eitelkeit und der 
Vorurteile vermögender Eltern. Sie wollen ihre Kinder nicht in die Volksschule 
schicken, weil sie dort neben dem Kinde des Arbeiters sitzen müßten, von dem sie 
nichts Gutes lernen könnten. Die Exklusivität der besitzenden Klasse macht sich 
auch iu diesem Punkte bemerkbar. Nun, wir wollen sie nicht zwingen, ihre Kinder 
der angeblichen Verderbnis unserer Volksschulen auszusetzen; wir wollen ihnen die 
Freiheit zugestehen, ihre Kinder unterrichten zu lassen, wo und wie sie wollen, 
aber das wollen wir ihnen nicht ersparen, daß man mit Fingern auf ihre Albernheit 
zeigt. Denn noch ist nicht nachgewiesen, daß die Begriffe reich und gut, arm 
und schlecht sich decken. Und vielleicht dämmert unter den Besitzenden doch all 
mählich auch das Bewußtsein, daß sie den besitzlosen Klassen gegenüber gewisse 
Pflichten zu erfüllen haben, und daß zu diesen Pflichten auch dies gehöre, durch 
das gesittete Beispiel ihrer Kinder veredelnd einzuwirken auf die minder gut ge 
stellten Kinder der unteren Klassen. 
Was also Eitelkeit, Vornehmheit, Bequemlichkeit der Eltern gegen die Ein 
richtung der allgemeinen Volksschule vorbringt, das kann uns iu keiner Weise 
erschüttern. Eher dürfte dies ein Einwand von pädagogischer Seite thun. Man 
hat nämlich hervorgehoben, daß die Kinder der verschiedenen Gesellschaftsklassen 
bei ihrem Eintritt ins schulpflichtige Alter sehr verschieden in ihrer geistigen Ver 
fassung seien, und daß es daher besser wäre, die geistig nahestehenden Kinder zu 
sammen zu unterrichten, weil der Unterricht doch an das gegebene Erfahrungs 
material bei den Kindern anzuknüpfen habe. Damit glaubt man die Existenz 
berechtigung der „Vorschulen" nachgewiesen zu haben. 
Weit gefehlt! Aus der angegebenen Thatsache der Verschiedenheit leiten wir
	        

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