Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
nur die Forderung ab, die Ungleichheit in der Vorbildung sauszugleichen durch 
Errichtung von Volkskindergärten, welche die physische Pflege und die psychische 
Entwicklung der Kleinen übernehmen an Stelle der Eltern, die, im Kampfe ums 
Dasein stehend, nicht Zeit für die eingehende Erziehung ihrer Kinder finden. 
Arbeiten die Volkskindergärten in rechter Weise, dann werden die Unterschiede in 
der Weite der Anschauungen und der Klarheit der Vorstellungen zwischen den 
Kindern der ärmern und wohlhabenden Klassen nicht so auffällig sein, daß man 
nicht beide einer gemeinsamen Schulerziehung zuführen könnte. . . . 
Reform oder Revolution — von diesem Hintergründe hebt sich auch die 
Frage der allgemeinen Volksschule ab. Bekämpft diesen Gedanken, ihr Schulpäpste, 
im Bunde mit den Vornehmen, und ihr werdet sehen, wohin der Kastengeist treibt, 
der womöglich dem neugeborenen Erdenbürger schon in der Wiege seine besondere 
Etikette aufdrücken möchte. Führt den Gedanken durch, ihr Freunde des Vater 
landes, die ihr vom Geiste des Christentums euch leiten laßt, und ihr werdet 
gewahren, wie aus einer längeren gemeinsamen Erziehung in der Schule ein 
Same aufgeht, der schöne Früchte für die Stärkung des Gemeingeistes im Volke 
zeitigen kann." 
3. Aber seminarisch gebildete Lehrer 
äußerte sich der Geheime Oberregierungsrat Dr. Schneider im preußischen Ab 
geordnetenhause bei Gelegenheit der Verhandlungen über das höhere Mädchen 
schulwesen in sehr anerkennender Weise. Von den 122 Direktoren höherer 
Mädchenschulen, führte er aus, seien 18 seminarisch gebildet, „darunter sehr 
tüchtige Direktoren". Er trat für die Gleichberechtigung der Seminariker an den 
höheren Mädchenschulen mit folgenden Ausführungen ein: „Wenn wir stolz darauf 
sind, Ihnen gesagt zu haben, wir haben seminarisch gebildete Seminardirektoren 
und Seminaroberlehrer — warum sollen wir hier das Gebiet verschließen?! Erst 
vor kurzem kam ein hochangesehener Botaniker, ein hochgelehrter Professor, an den 
Herrn Minister mit der Bitte, zwei einfachen Elementarlehrern wegen ihrer 
botanischen Studien den Oberlehrertitel zu geben. Warum in aller Welt soll 
ein Mann von solcher Bildung nicht auch fähig und geschickt genug sein, um 
Mädchen die Pflanzenkunde zu lehren, sie zu sinniger Betrachtung des Pflanzen 
lebens zu erziehen? Muß das Französisch ausdrücklich auf der Universität oder 
auf dem Gymnasium gewonnen sein, oder hat nicht mancher von uns die Er 
fahrung, daß sein Gymnasialfranzösisch ihn wohl schwerlich befähigt hätte, fran 
zösische Stunden zu geben? (Heiterkeit.) Also die akademische Bildung — ich 
schätze sie ja gewiß; Gott, ich habe sie mir auch erworben — aber sie ist doch 
nicht das einzige. War denn Graf Moltke akademisch gebildet, und der Minister 
Roon und eine ganze Masse von Heerführern und Männern, deren Namen wir 
mit hohem Stolz nennen? Warum nur immer beim Unterricht, wo soviel auf 
Erziehung, auf sittlich tiefes und inniges Gefühl ankommt, immer nur den alten 
Einfuhrzoll fordern, immer, statt auf Leistung und Bildung zu sehen, fragen: 
Wo hast du deine Bildung erworben? Welchen Weg hast du eingeschlagen? 
Ich glaube, wenn die jetzt künstlich erregte Verstimmung überwunden ist, werden 
auch akademisch und seminarisch gebildete Lehrer wieder friedlich miteinander 
arbeiten."
	        

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