Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
I. 
Die zunächst und am meisten in die Äugen fallende Eigentümlichkeit des 
Traumes^besteht wohl in der Täuschung, die uns die ganze unsrer Phantasie 
entsprungene und darum subj ektive Welt als objektive Wirklichkeit vor 
spiegelt. Der Träumende weiß bekanntlich nicht, daß er träumt; er glaubt zu 
wachen und zwar ganz in demselben Sinne, wie er auch am Tage zu wachen 
behauptet, und die aus seinem Innern aufsteigenden Phantasiegebilde haben für 
ihn, solange der Traum dauert, dieselbe handgreifliche Wirklichkeit wie die Dinge 
und Ereignisse des wachen Tageslebens. Auch im wachen Zustande können wir 
uns die verschiedensten Bilder vor die Seele rufen. Wenn wir eine Reise ge 
macht haben, sind wir imstande, mit mehr oder weniger Lebhaftigkeit die durch 
wanderten Gegenden noch einmal an unserm Geiste vorüberziehen zu lassen. Wir 
können uns das Zusammentreffen mit einem lange abwesenden Freunde aus 
malen : Wir denken uns, daß er jetzt so oder so aussieht; wir gehen auf ihn 
zu und schütteln ihm die Hand; er erzählt uns von seinen Erlebnissen u. s. w. 
Aber dabei haben wir stets das Bewußtsein, daß es eben nur Bilder unsrer 
Phantasie sind, Bilder, die im Vergleich zur Wirklichkeit matt und abgeblaßt 
und ohne eigentliches Leben erscheinen. Anders ist es im Traum. Hier treten 
die Bilder mit voller sinnlicher Frische und Lebendigkeit auf, so daß sie von wirk 
lichen Wahrnehmungen gar nicht unterschieden werden können. Erst das Erwachen 
macht der Täuschung, der wir im Traume verfallen, ein Ende und belehrt uns, 
daß wir in einer erdichteten Welt uns befanden. Wir stellen unsre Traum 
erlebnisse den wirklichen Zuständen gegenüber, und erst durch diese Vergleichung 
erscheint uns der Traum als Traum. 
Eine zweite Eigentümlichkeit des Traumlebens besteht in der Verworren 
heit, Zusammenhanglosigkeit und Abenteuerlichkeit, die uns in 
den meisten Träumen entgegentritt. Allerdings giebt es auch Träume, in denen 
es ganz vernünftig zugeht; aber diese Vernünftigkeit ist nicht Regel, sondern 
Ausnahme. Es giebt nur wenige Träume, denen nicht irgend etwas Seltsames 
und Wunderliches beigemischt ist, das mit der täglichen Lebenserfahrung im 
Widerspruche steht, und nicht selten erreicht die Verworrenheit einen Grad, daß 
es dem wachen Denken geradezu unmöglich wird, die wunderlich verschlungenen 
Fäden auch nur einigermaßen zu entwirren. Dem Traume fehlt jeder objektive, 
verständige Zusammenhalt. Die ganze vernünftige Ordnung der Körper- und 
Geisteswelt erscheint wie aufgehoben. Was im Leben eng zusammengehört, das 
reißt der Traum auseinander, und was uns in der Wirklichkeit des Lebens in 
scharfer Sonderung entgegentritt, das bringt er in die engste Verbindung und 
schiebt er in wunderlicher Weise durcheinander. Es giebt im Traume weder eine 
physische, noch eine logische Unmöglichkeit. Und was das Merkwürdigste dabei 
ist, das alles erscheint uns so natürlich und selbstverständlich, daß wir uns gar
	        

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