Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Aus der Welt des Traumes. 
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nicht einmal darüber wundern. Wir multiplizieren gelegentlich ganz harmlos 
3 X 3 - 20, wir finden nichts darin, daß ein Hund uns ein Gedicht hersagt, 
daß ein Toter mit uns redet oder wohl gar auf eignen Füßen zum Grabe geht. 
Man sieht sich wohl selbst im Sarge liegen, man hört die Klagen der An 
gehörigen, die Leichenrede des Pfarrers und läßt sich in aller Gemütsruhe ins 
Grab hinabsenken. Ohne Schwierigkeit machen wir eine Reise hoch durch die 
Luft, mit sicherem Fuße schreiten wir über die Wasserfläche eines Sees dahin. 
I. Paul sah sich einmal im Traume an einer Mittagstafel. Ihm gegenüber saß 
ein kleiner, wunderlich aussehender Herr, der auf eine höchst sonderbare Art seine 
Suppe zu sich nahm. Er schleuderte nämlich mit dem Löffel jedesmal die Suppe 
hoch in die Luft und fing sie dann sehr geschickt und sicher mit dem Munde 
wieder auf. Kurz, es giebt keine Tollheit, die im Traume nicht möglich wäre. 
Dazu kommt dann weiter, daß die Traumbilder fortwährend zerfließen und sich 
unversehens verwandeln. „Da sitzt man wohl bei Tische in einer lebhaften Ge 
sellschaft; plötzlich ändert sich die Scene, und man befindet sich in einem Kuh 
stalle, und wieder ohne merkliche Berknüpfung sieht man sich auf einen hohen 
Berg versetzt, und schon fährt man in einem Sturme auf einem Segelschiffe von 
Kleinasien nach Ägypten." Zusammenhanglos sind auch die Erinnerungen, die 
aus dem wachen Tagesleben in die Träume hineinspielen. Vergangenes und Zu 
künftiges erscheint uns als lebensfrische Gegenwart. Bald sehen wir uns in die 
rosigen Tage der Kindheit zurückversetzt, bald verkehren wir mit längst verstorbenen 
Personen wie mit Lebenden, bald sehen wir unsre Zukunftspläne verwirklicht, 
oder wir finden uns in einem Berufe thätig, der unsern Bestrebungen und Zielen 
sonst ganz fern liegt. 
Höchst merkwürdig ist die außerordentliche Schnelligkeit, mit der viele 
Traumerlebnisse sich vollziehen. In wenigen Minuten kann man im Traume 
eine Reihe von Begebenheiten erleben, deren Abwicklung in der Wirklichkeit wohl 
ebenso viele Stunden, wenn nicht gar Tage und Wochen erfordern würde. Der 
bekannte H. Steffens erzählt folgenden Traum: „Ich -schlief mit meinem Bruder 
in einem Bette. Im Traume sah ich mich in eine einsame Straße versetzt. Ein 
wildes Tier von bizarrer Gestalt verfolgte mich. Bor Schrecken konnte ich nicht 
rufen. Ich lief die Straße entlang, das Tier kam mir immer näher. Endlich 
erreichte ich eine Treppe und konnte, durch die Angst erstarrt und das Laufen 
erschöpft, nicht weiter. Ich wurde von dem Tiere ergriffen und schmerzhaft in 
die Lende gebissen. Durch den Biß erwachte ich, und — mein Bruder hatte 
mich in die Lende gekniffen." Der Kniff war offenbar die Ursache des Traumes. 
Das Traumerlebnis vollzog sich also in der kaum meßbaren Zeit zwischen der 
Empfindung des Kniffs und dem Erwachen. Ein zweites Beispiel. La Case, 
der General-Postmeister Napoleons I., war nach der Rückkehr der Bourbonen 
ins Gefängnis geworfen worden. Eines Abends sank er nach der gewohnten 
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