Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Der Gesichtsausdruck in seiner Bedeutung für die Erziehung. 
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Ich stand einst in der Kasseler Gemäldegalerie vor einer wunderbaren 
mater dolorosa. Da hörte ich neben mir das beifällige Urteil: „Ein hübsches 
Bild, sieh mal, Amalie!" Amalie sah und sprach: „Sehr nett!" Ja, sahen 
denn die Leute nicht? Sie sahen wohl, sie mußten ja sehen, aber sie verstanden 
nicht. Sie konnten nicht lesen die stumme Sprache der Augen, sie erlebten nicht 
mit das heiße, bittere Ringen des gequälten Mutterherzens, und darum war 
ihnen diese weihevolle Klage um ihn, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt 
ward, — ein sehr nettes Bild. 
Bei einem Gemälde, das die Seelenstimmung in so scharf ausgeprägten 
Zügen wiedergiebt, ist das Nichtverstehen einfach nicht zu entschuldigen; denn ich 
glaube behaupten zu dürfen, daß jeder, der jener mater dolorosa ins Antlitz 
schaut, von dem Anblick überwältigt werden muß, falls er nicht etwa nur wie 
jene beiden einen flüchtigen und — ich gebrauche den Ausdruck absichtlich — 
leichtsinnigen Blick darüber hinschweifen läßt. Ganz anders beim Anschauen 
eines lebenden Objektes wie des Kinderantlitzes. Fürwahr ein Kunstwerk 
ist es! Ein Kunstwerk, das vom Urquell der Schönheit und Wahrheit selbst 
gebildet, vom göttlichen Meister. Da dasselbe aber einmal nicht die unbewegliche 
Starrheit eines Bildnisses zeigt, also in immerwährendem Wechsel bald stärkere 
oder schwächere Grade einer und derselben Seelenstimmung, bald gänzlich ver 
schiedene Affekte reflektiert, und da es zum andern die Affekte selten in der mar 
kanten Ausprägung eines Gemäldes wiedergiebt, so wird von dem Beurteiler 
dieses Kunstwerkes ein viel feineres Empfinden und ein viel liebevolleres Ver 
ständnis verlangt. 
Wer sich dieses Verständnis aneignen will, muß danach trachten, die Idee 
des Bildners zu verstehen. Welche andere könnte das aber sein als die oben 
klargelegte, daß das menschliche Angesicht in seinen Zügen, abweichend vom seelen 
losen tierischen, die innern Regungen wiederzuspiegeln vermöge? Wer sich dessen 
recht bewußt wird, wer mit andern Worten im Verständnis der Seelenregungen 
und ihrer Äußerungen im allgemeinen wächst, dem wird ganz von selbst die 
Fähigkeit werden, jede Regung beim Individuum zu verstehen, und eine Folge 
davon wird sein, daß er im besonderen Falle beim einzelnen Kinde das rechte 
Verfahren einschlägt. 
2. Nnn aber genug der Theorie! Wir hätten die Frage: „Warum muß 
der Lehrer den Gesichtsausdruck seiner Schüler verstehen?" auch einfach so beant 
worten können: „Damit er ihn beachten kann!" 
Verstehen und Beachten sind hier Korrelata, das erstere muß das 
letztere als notwendige Folge nach sich ziehen. Trotzdem glaubte ich beides nach 
der Disposition gesondert behandeln zu müssen, da wie ich oben schon andeutete 
beim Verstehen mehr die theoretische, beim Beachten mehr die Praktische Seite des 
Themas betont werden mußte.
	        

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