Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Wenn ich sage, der Lehrer müsse den Gesichtsausdrauck der Kinder be 
achten, so meine ich damit, der Lehrer möge sein Verhalten danach einrichten, 
ihn als einen Wegweiser beim Erziehungsgeschäfte schätzen und benutzen. Über 
die Art und Weise dieser Benutzung läßt sich selbstverständlich eine genau formu 
lierte Anweisung nicht geben, es muß vielmehr dem pädagogischen Takte des 
Lehrers überlassen werden, im besonderen Falle das Richtige zu treffen; aber 
es läßt sich doch nach allgemeinen Gesichtspunkten feststellen, inwiefern die Be 
achtung bezw. die Nichtbeachtung der oben entwickelten Wahrheiten und Leitsätze 
in der Praxis der Schule einen wesentlichen Einfluß auf den Erfolg des Er 
ziehungswerkes ausübt. 
Erinnern wir uns nur an den „Fall Maier" der Einleitung, so wird uns 
sofort klar werden, daß ohne das genauste Studium und die sorgfältige Be 
obachtung des Gesichtsausdruckes von einer Berücksichtigung oder gar Pflege der 
Individualität keine Rede sein kann. Bei der Bemessung von Lohn und Strafe, 
besser und umfassender gesagt, bei der Anwendung der Erziehungs 
mittel i. e. S. tritt diese Thatsache besonders kraß zu Tage, weil gerade da 
oft einzig und allein der Gesichtsausdruck das Verhalten des Lehrers be 
stimmen muß. 
Noch jüngst erlebte ich in meiner Klasse einen Fall, der wohl geeignet sein 
dürfte, das Gesagte zu illustrieren. 
„Schmidt hat meinen Griffel geholt!" meldet mir ein Schüler. „Herr 
Lehrer, es ist nicht wahr!" entgegnete Schmidt voll Entrüstung. „Doch, es ist 
wahr; in seinem Federkasten liegt er!" behauptete dagegen der Bestohlene. „Wo 
her weißt du denn das?" fragte ich, um ganz sicher zu gehen. „Ich habe 
meinen Griffel im Federkasten gesehen, als er den seinigen herausnahm," ant 
wortete der Bestohlene ohne Zögern. „Schmidt gestehe die Wahrheit, ehe ich 
nachsehe!" ermahnte ich den Dieb. Schmidt aber blieb bei seiner Aussage, 
allerdings drückten seine Mienen immer mehr Angst und Furcht vor Strafe aus; 
während der Bestohlene nach den Gesichtszügen zu urteilen seiner Sache durch 
aus sicher war. Ich ließ mir nun den Kasten zeigen, und richtig, der Griffel 
fand sich. Natürlich hatte Schmidt für sein Lügen eine empfindliche Strafe zu 
erwarten und begann im Vorgefühl des Kommenden bitterlich zu weinen. In 
folgedessen spiegelte sich in fast allen Kinderangesichtern Mitleid oder doch wenig 
stens Teilnahme. Eben stand ich im Begriffe, die Strafe zu vollziehen, als ein 
schneller Blick zu dem Bestohlenen mich sehen ließ, wie aus dessen Antlitz die 
gehässigste Schadenfreude hervorleuchtete, wie dieser Reflex aber augenblicklich ver 
schwand, als ich den Burschen fest ins Auge faßte. Er brachte es sogar fertig, 
mitleidig drein zu schauen. Sein Antlitz, also auch seine Seele log; er wollte 
mir vorlügen, daß ihm die Bestrafung des Mitschülers leid thue, während er 
doch in Wahrheit Freude darüber empfand. Heraus mit dem Lügner! Ich sagte
	        

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