Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Der Gesichtsausdruck in seiner Bedeutung für die Erziehung. 379 
ihm auf den Kopf zu, daß er mich belogen habe. Er war bestürzt und gestand 
nach peinlichem Verhöre sein Vergehen ein. Während der Pause hatte er seinem 
Mitschüler, an dem er sich aus irgend einem Grunde rächen wollte, den Griffel 
in den Kasten gesteckt, damit dieser bestraft werden sollte. 
Ebenso bestimmend für das Verhalten des Lehrers in seiner Eigenschaft als 
Erzieher muß der Gesichtsausdruck in sehr vielen andern Fällen sein. Jeder Lehrer 
weiß, daß es Schüler giebt, die sich nicht melden, wenn sie ein Bedürfnis zu 
verrichten haben. Sei es Schamhaftigkeit, sei es die verschwisterte Schüchternheit, 
sie verstehen sich kaum in der dringendsten Not dazu, den Finger zu heben. 
Solche Kinder wird wohl kein Lehrer ungeachtet der sich deutlich in ihren Zügen 
spiegelnden Not sitzen lassen, bis sie endlich gezwungen sind, den Finger zu heben 
oder gar ihre Bedürfnisse im Schulsaale zu verrichten. Er wird im Gegenteil 
sich die Anzeichen ihres leiblichen und seelischen Zustandes als Wegweiser dienen 
lassen und das betreffende Kind sofort hinausschicken. Durch genaue Beobachtung 
wird es ihm sehr leicht werden, etwaige Simulanten zu erkennen. 
Nicht selten kommt es auch vor, daß Kinder an einem Geb rechen kranken, 
von dem weder sie selbst noch ihre Eltern eine Ahnung haben. Infolgedessen 
kann natürlich auch dem Lehrer von keiner Seite aus mitgeteilt werden, daß der 
geistige oder körperliche Zustand des betreffenden Kindes in irgend einer Be 
ziehung abnorm sei. Der Lehrer würde also das Kind wie ein normal beanlagtes 
behandeln müssen. Da aber ist wiederum der Gesichtsausdruck ein sicherer Führer, 
er verrät ihm die Kurzsichtigen und Schwerhörigen und lehrt ihn, die krankhaften 
Zustände mancher Kinder überhaupt erst entdecken. 
Einen sehr interessanten Aufschluß auf diesem Gebiete erhielt ich jüngst durch 
einen mir bekannten Mediziner. Dieser machte mich nämlich darauf aufmerksam, 
daß die Trägheit und Zerstreutheit mancher Kinder oft nur eine Folge davon 
sei, daß sie Würmer hätten und bemerkte beiläufig, man könne das den Kindern 
ganz gut an dem schlaffen, charakteristischen Ausdruck ihres Gesichtes ansehen. 
Bei zwei Schülern glaubte ich nach der empfangenen Belehrung annehmen zu 
dürfen, daß sie Würmer hätten. Ich teilte den Eltern meine Vermutung mit, 
und diese versprachen, die Sache untersuchen zu wollen. Das geschah und so 
stellte sich heraus, daß beide Kinder keine Spur von einem Wurme hatten. Als 
ich meinem Bekannten selbigen Reinfall mit einigen Seitenhieben auf seine 
Würmertheorie verkündete, versprach er, selbst in meiner Klasse nachsehen zu wollen. 
Das that er denn auch und demonstrierte mir an einem Jungen aä oeu1o8, 
wie ein Wurmgesicht aussähe. In der That zeigte der weitere Verlauf, daß er 
sowohl mit seiner Diagnose als auch mit seiner Behauptung, daß die eigentüm 
liche Schlaffheit der Züge und des Wesens lediglich eine Folge des krankhaften 
Zustandes des betreffenden Schülers wäre, vollständig im Rechte war. Der 
Junge lebte, nachdem er von seinen Parasiten befreit war, förmlich wieder auf.
	        

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