Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Seitdem habe ich schon verschiedentlich, geleitet durch den Ausdruck des Gesichtes, 
Kinder von diesem Leiden erlöst. Wenn man dabei auch manchmal auf falscher 
Fährte ist, so schadet das ja gar nicht, im Gegenteil die Eltern freuen sich über 
btc Teilnahme des Lehrers. 
Nicht nur für die Erziehung i. e. S., sondern auch für die unterricht- 
liche Thätigkeit des Lehrers ist die Beachtung des Gesichtsausdrucks von 
hoher Bedeutung. Er ist ihm ein genauer Maßstab seiner Unterrichts 
leistungen. Wenn der Glanz des Verständnisses, die volle Teilnahme der 
Seele aus den Kinderangesichtern ihm entgegenstrahlt, dann kann und darf er 
sich sagen, daß er seine Sache gut gemacht, den rechten Ton getroffen habe. 
Wenn aber die Züge der Schüler die schreckliche Langweile oder das öde Nicht 
verstehen wiederspiegeln, muß er sich ebenso offen eingestehen, daß er's irgendwo 
hat fehlen lassen. 
Falls der Lehrer den Schaden gleich von dem Gesichte der Kinder ablesen 
kann, wird er sicherlich, soweit es in seinen Kräften steht, einen begangenen Fehler 
wieder gut zu machen suchen, mit andern Worten sich durch den Gesichts 
ausdruck korrigieren lassen. Meist ist der Gesichtsausdruck seiner Schüler 
ja die einzige Korrektur, die dem Lehrer hinsichtlich der Wärme und Wahrheit, 
der Anschaulichkeit und Klarheit seines Unterrichtes wird. Denn einerseits kann 
er doch nicht erfragen, ob es ihm gelungen ist, das Herz seiner Schüler zu er 
fassen, ihren Geist zu befruchten, und andererseits findet sich höchst selten ein 
Schüler, der unaufgefordert sein Nichtverständnis oder seine Teilnahmlosigkeit 
eingestände. Seine Züge hingegen sagen dir's, sie bringen unabhängig vom 
Willen das Unbehagen der Seele deutlich genug zum Ausdruck. Sie wollen 
dir's wenigstens sagen, und deine Schuld ist es, wenn sie dir nicht sind, was 
sie sein sollten: Maßstab und Korrektur des Unterrichtes, Weg 
weiser einer wahrhaft erziehlichen Einwirkung. 
3. Nach unserer Definition wird der Gesichtsausdruck, dem Individuum 
unbewußt, durch die Thätigkeit der Seele gebildet. Ebenso wie diese unwill 
kürliche, so geschieht auch die willkürliche, bewußte Bildung des stetig 
wechselnden und damit des sich gleichbleibenden Gesichtsausdruckes durch Beein 
flussung der Seele. Der Erzieher muß die zu heftigen Affekte zu lindern, 
die zu abgeschwächten zur kraftvollen Gestaltung zu drängen suchen, wenn er ihre 
Äußerungen bilden will. Daraus folgt, daß mit unsrer dritten Forderung: 
„Der Lehrer bilde den Gesichtsausdruck" durchaus nicht etwa verlangt wird, er 
solle sich in Zukunft neben der Charakter-, Gemüts- und all der andern Bildung 
noch auf die „Gesichtsausdrucksbildung" verlegen. Es wäre ja geradezu lächerlich, 
wenn jemand sich vornähme: „Heute willst du bei deinen Kindern mal gehörig 
die Reflexe des Mitleides oder der Güte stärken und morgen die des Zornes 
eindämmen!" Er sorge nur dafür, daß in der Seele des Kindes auf Grund
	        

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