Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

398 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Verkehr und im öffentlichen Leben leider nur zu stark geltend. Die Herren 
Bürgermeister überboten sich in unseren Städten nun gegenseitig mit großartigen 
Schulbauten, die aller Welt zeigen sollten, welches Wohlwollen die Kommune 
dem Schulwesen entgegenbringe. Wenn nur die Gehälter der Lehrer und die 
innere Einrichtung damit übereinstimmte. So könnte man meinetwegen 32klassige 
Schulen bauen (die mit einer Aula, einer Turnhalle auskommen müßten), wenn 
dieselben in vier in sich geschlossene Teile mit vier eigenen Rektoren bezw. Haupt 
lehrern , also gleichsam in vier Familien zerlegt wären. Aber diese unglückselige 
Sparsamkeit am falschen Orte! Um Rektorengehälter zu sparen, greift man zu 
den Massenanhäufungen von Schülern und Lehrern, deren verderbliche Folgen 
Sie sa treffend und überzeugend nachgewiesen haben. 
6. Just. 
Direktor Or. Just in Altcnburg äußert sich über die vorliegende Frage 
wie folgt: 
„Die Schulorganisation, wie sie sich nötig macht überall, wo sich ein größeres 
Schulwesen ausbildet, hat zwei Angelpunkte, um die sie sich dreht, oder zwei Prin 
cipien, nach denen sie sich vollziehen muß. Das eine ist das Princip der Individuali 
sierung, d. i. der Beachtung des einzelnen, das andere ist das Princip des 
Zusammenfassens, der Konzentration. 
Wo das erste, das Princip der Individualisierung, keine Beachtung findet, 
da entstehen Schulkolosse von tausend und mehr Kindern, da stehen Lehrer und 
Schüler, ja Lehrer und Lehrer an einer Stelle einander fremd gegenüber, da 
wird die Schularbeit mechanisch und sinkt zuletzt herab zur Fabrikarbeit, bei der 
im einzelnen wohl tüchtiges geleistet werden kann, bei welcher aber der sittliche 
Geist, und das ist doch der alles belebende Odem an einer Schule, nach und 
nach erstickt wird und zu Grunde geht. Nur in kleineren Schulorganismen ist 
die Möglichkeit gegeben, daß die Lehrer einander nahe treten und sich zu gemein 
schaftlicher Arbeit verbinden; in diesen liegt auch die Möglichkeit vor, daß die 
Lehrer einer Schule sämtliche Kinder an einer Schule kennen lernen und Einfluß 
gewinnen auf ihre Erziehung. 
Aber auch das andere Princip, das Princip der Konzentration, muß Berück 
sichtigung finden, zumal in einer Zeit wie der unseren, wo die Grundlehren der 
Pädagogik ja wo die ganze Schularbeit sich in einer Umwandlung und Um 
bildung befindet, und wo die Meinungen über das Wahre und Richtige auf dem 
Gebiete der pädagogischen Theorie und Praxis unter den Schulmännern noch 
weit auseinandergehen. Wäre dies nicht der Fall, fehlte es an Konzentration, 
so wäre die Folge Zersplitterung und Zerstreuung, so würden sich widerstreitende 
Kräfte bilden, die einander hemmen und stören, so würde die Schularbeit für 
das Publikum die Durchsichtigkeit und damit das Vertrauen verlieren." 
7. Leutz. 
Ein ferneres Votum über die Schulkaserne stellte uns Seminardirektor 
Leutz in Karlsruhe zur Verfügung. Dasselbe lautet: 
„Nach meinen bisherigen Schulwahrnehmungen ist der Grund der Schulfabriken 
vornehmlich in einer gewissen Eitelkeit, Großthuerei der städtischen Verwaltungen 
zu suchen. Die Städte wollen prunken mit ihren Schulpalästen, man zeigt sie 
den fremden Besuchern, diese staunen über die schönen Gebäude; was darin ge-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.