Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
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geneigt werden möchten, dem staatlichen Rechte, wie es sich eben im Lause der Zeit 
gebildet hat, etwas nehmen zu lassen, erscheint geradezu unmöglich. Man ist mehr 
geneigt zu centralisieren als sich davon zu befreien. Wäre die Erkenntnis in 
geistlichen Kreisen früher gekommen, dann hätte sich etwas machen lassen. Der 
Umstand, daß sich in dem Referate gar keine Andeutung darüber findet, wie man 
sich mit dem übermächtigen Schulherrn, dem Staate, auseinanderzusetzen gedenkt, 
läßt die Vermutung aufkommen, daß man auch in dieser Versammlung still 
schweigend unter dem Druck des Gedankens gestanden hat: es ist zu spät. 
Rh. H. 
III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
Lehrplan für die Volksschule. Nebst einer Kritik und eine,n Anhang. Vom Stand 
punkt des erziehenden Unterrichts. 1894. 32 S. gr. 8. Eßlingen a. N. 
Wilh. Langguth. 
Es ist ein Verdienst der Herbartischen Schule, die Lehrplanfrage, der man 
geraume Zeit hindurch mit einer gewissen Scheu aus dem Wege ging, bis sie sich als 
die dringlichste aller Unterrichtsfragen herausstellte, zu eingehender Er 
örterung gebracht zu haben. Wie dringend notwendig eine Reform auf diesem Gebiete 
ist, das beweist auch wiederum die vorliegende Schrift. Als Verfasser derselben werden 
zehn Würzburger Lehrer genannt, unter ihnen der durch seine Arbeiten im Jahrbuch 
des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik bestens bekannte P. Zillig. 
Die Schrift unterzieht in ihrem ersten Teile den in den Würzburger Volksschulen 
eingeführten Lehrplan einer eingehenden, ernsten Kritik. Veranlaßt wurde dieselbe 
durch eine Reihe von Fragen, die den Verfassern von der Würzburger Schulkommission 
zur Beantwortung vorgelegt wurde. Die Untersuchung, die vom Standpunkt 
des erziehenden Unterrichts vorgenommen wird, verbreitet sich über den Zweck 
des Lehrplans, die Rangordnung der Lehrfächer und die Verknüpfung, Auswahl und 
Anordnung der Lehrstoffe. Was der Kririk eine besondere Beweiskraft verleiht, das ist 
die eigene unmittelbare Erfahrung der Verfasser. Das Ergebnis der Untersuchung ist 
in allen Punkten ein vernichtendes. Die Verfasser wenden sich mit schlagenden Gründen 
gegen den Standpunkt der bloßen Wissens-Vermittlung beim Unterricht und 
gegen die Auswahl und Anordnung der Unterrichtsstoffe nach dem Grundsätze der kon 
zentrischen Kreise. Nachgewiesen wird. daß ein nach dem Würzburger Lehrplan 
erteilter Unterricht das geistige Leben der Schüler dämpft und drückt und diese nicht 
verbessert, sondern verschlechtert: schwer beklagt wird auch die Einbuße, die die Berufs 
freudigkeit der Lehrer erleidet, die ihre Überzeugung zu verleugnen gezwungen sind. 
Das Gesamturteil lautet: „Dieser Lehrplan ist weder nach ethischen, noch nach psycho 
logischen, noch selbst nach objektiv-wissenschaftlichen Gesichtspunkten angelegt: darum 
kann man nach demselben nicht einmal lehren, geschweige unterrichten, am 
allerwenigsten erziehen." 
Die Verfasser wagen nun den Versuch eines neuen, besseren Lehrplans, der jene 
Schäden und Mängel zu vermeiden sucht. Sie vertreten den Standpunkt Zillers 
und halten dessen Theorie des Lehrplans für hinreichend gefestigt, um auf Grund der 
selben einen für die Bedürfnisse der siebenstufigen Volksschulen,.,Würzburgs berechneten 
Plan aufzustellen. Zunächst werden die allgemeinen Grundsätze namhaft gemacht, nach 
denen sie sich bei der Anlage des Plans richten: sodann folgt die Ausführung. Es 
gehört nicht in den Rahmen einer Buchbesprechung, den vielangefochtenen Zillerschen 
Lehrplan im allgemeinen auf seine Verwendbarkeit für die Volksschule zu prüfen; eine 
solche Arbeit erfordert eine besondere eingehende Untersuchung, die sich vor allem mit 
dem Prinzip der kulturhistorischen Stufen befassen muß. Wir übergehen daher hier 
die Auseinandersetzung mit den Grundanschauungen, die der Plan vertritt, und be 
gnügen uns damit, nur einige mehr nebensächliche Meinungsverschiedenheiten zur Sprache 
zu bringen. 
Dem Religionsunterricht des ersten und zweiten Schuljahrs wird die Aufgabe ge 
stellt, das Leben Jesu in erbaulicher Weise zu behandeln. Hier vermissen 
wir die nähere Angabe des betreffenden Unterrichtsstoffes, die um so mehr am Platze
	        

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