Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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HI. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
gewesen wäre, als eine zweckmäßige Auswahl biblischer Geschichten für die Unterstufe 
mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft ist. Um Mißverständnisse fernzuhalten, hätte in 
dem grundlegenden Teile des Planes auch bemerkt werden müssen, daß der erbaulichen 
Betrachtung jedesmal die unterrichtliche Klarstellung des Stoffes voran 
gehen müsse, da ohne diese die Erbauung völlig in der Luft schwebe und ergebnislos 
verlaufe. Was dann die Verteilung des religionsgeschichtlichen Stoffes auf die folgenden 
Schuljahre anbetrifft, so waltet ein auffälliges Mißverhältnis insoweit ob, 'als dem 
Alten Testament drei volle Schuljahre, das dritte, vierte und fünfte, zugewiesen 
werden, während für das Leben Jesu nur das sechste Schuljahr bestimmt ist. Das 
Leben Jesu, der Höhepunkt des religiösen Lebens, kommt dabei entschieden zu kurz. 
Wir bezweifeln, daß es möglich ist, Leben und Lehre Jesu in einem Jahre in er 
schöpfender Weise zu behandeln. Die Folge wird ein Übermaß des Stoffes sein, 
das hier am allerwenigsten am Platze ist, und das sorgsam vermieden werden muß, 
wenn die religiösen Gefühle und Strebungen sich voll entfalten und tief einwurzeln 
sollen. Es erscheint daher dringend geboten, den Stoff aus dem Alten Testament so 
zu beschränken und zusammenzudrängen, daß für das Leben Jesu auch noch das fünfte 
Schuljahr frei wird. Man wende nicht ein, daß das frühere Auftreten des Lebens 
Jesu eine Verfrühung bedeute; die schwierigeren Geschichten wird man dem sechsten 
Schuljahre vorbehalten. 
Als Stoff für den Gesinnungsunterricht treten neben der Heilsgeschichte profan 
geschichtliche Lehrstücke auf. Für das erste Schuljahr sind die bekannten 12 Volks 
märchen, für das zweite ist Robinson ausgewählt: mit dem vierten Schuljahre tritt die 
deutsche Kulturgeschichte auf. Das dritte Schuljahr ist demnach ausgefallen, wodurch 
in dem Plane eine Lücke entstanden ist. Sollte es für diesen Zeitabschnitt an passenden 
Stoffen fehlen? Wir glauben nicht; hier müßten die heimatlichen Stammessagen 
eingestellt werden. 
Recht beachtenswerte Vorschläge macht der Plan für den naturkundlichen und den 
geographischen Unterricht. Als entschieden zu weitgehend erscheinen uns aber die 
geographischen Lehrziele für die beiden ersten Schuljahre. Auf dieser Stufe sollen nach 
dem Plane auch schon solche Objekte behandelt werden, die völlig jenseit des kindlichen 
Anschauungskreises liegen, wie z. B- München, Bremen, der Rhein, die Grundgestalt 
von Bayern, Deutschland, Frankreich, Rußland, Spanien, England, die außereuropäischen 
Erdteile. Demgegenüber halten wir dafür, daß als Ziel des ersten Unterrichts in der 
Geographie immer gelten müsse, die Kinder vertraut zu machen mit den geo 
graphischen Verhältnissen der Heimat, und daß der Blick des Schülers erst 
dann über den heimatlichen Horizont hinaus zu erweitern sei, wenn an der unmittel 
baren Anschauung sein Interesse für geographische Belehrungen lebendig geworden ist. 
Es ist eine vielfach bezeugte Erfahrung, daß nur das innige Vertrautsein mit der Heimat 
dem kindlichen Geiste die Lust und Kraft zum Auffluge in die Fremde gewährt. 
Nach dem vorliegenden Plane soll die Sprachlehre lediglich im Dienste des 
deutschen Aufsatzes stehen. Diese Forderung erscheint uns zu einseitig. Zwar 
stimmen wir den Grundgedanken derselben, daß die Grammatik in der Volksschule 
nicht um ihrer selbst willen zu lehren sei, sondern praktische Zwecke 
verfolgen müsse, vollständig bei. Aber wir meinen, daß sie ihre Dienste in erster 
Linie der fehlerhaften mündlichen Ausdrucksweise des Kindes leisten müsse, daß sie 
also vor allem mithelfen solle, die Kinder richtig sprechen zu lehren. Die münd 
liche Sprache des Kindes scheint uns der Korrektur am meisten bedürftig zu sein. 
Zum Ausgangspunkte für die grammatischen Belehrungen nehmen wir darum die in 
der Sprache des Kindes am häufigsten auftretenden Fehler, wobei das Material, das 
die Aufsätze liefern, mit herangezogen wird. Dadurch ist uns eine freiere Bewegung 
gestattet und die volle Möglichkeit gegeben, die Kinder von ihrem Standpunkt und Be 
dürfnisse aus in der rechten Weise weiterzuführen. 
Die Verfasser beklagen mit Recht, daß in den Würzburger Volksschulen den 
wichtigsten Bildungsfächern, auf welchen alles geistige Leben, ja zuletzt auch 
aller Fortschritt in Sprache und Rechnen beruhe, die dürftigste Zeit zugewiesen 
werde, indes den letzteren Fächern ein Übermaß an Stundeneingeräumt worden sei. 
Sie machen daher der Sache mehr entsprechende Gegenvorschläge. Wir glauben nun, 
daß sie sich dabei nicht ganz frei von dem entgegengesetzten Fehler gehalten haben. Es 
will uns nämlich doch recht fraglich erscheinen, ob bei nur zwei- bis dreiwöchent 
lichen Rechenstunden die hohen Ziele, die dem Rechenunterricht gesteckt sind, erreicht werden
	        

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