Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Gotthard in Geschäften (mit Waren) nach Italien. Ein Vergnügungsreisender 
macht dieselbe Tour. Beidemal Benutzung des Gedichts. Jeder von den beiden 
sieht die Tour mit anderen Augen an, jeder hat andere Empfindungen auf der 
Reise?) , 
Es leuchtet unmittelbar ein, daß hier 1. kein Abstraktionsprozeß ein 
geleitet, 2. kein abstraktes System gebildet wird, und daß somit 3. von einer 
Anwendung des Systems gar nicht die Rede sein kann. Gewiß, die 
Flüsse, Seen und Städte der Schweiz müssen zusammengestellt, nach gewissen 
Gesichtspunkten geordnet und zu einem Ganzen, das man immerhin System 
nennen mag, vereinigt werden; was hat aber die so notwendige, die Einprägung 
und die Verwendbarkeit des Gelernten befördernde Zusammenstellung, Ordnung 
und Vereinigung konkreter Vorstellungen mit einem Abstraktionsprozeß zu 
thun? Nichts, schlechterdings nichts! 
Dieselbe Unklarheit in Bezug auf die Aufgabe der Association, des Systems 
und der Methode tritt uns auch bei der Behandlung deutscher Gedichte entgegen. 
Eberhardt, dessen „Poesie in der Volksschule" unstreitig zu dem Besten ge 
hört, was die pädagogische Litteratur auf dem Gebiete der Erläuterung poetischer 
Lesestücke auszuweisen hat, sagt u. a.: „Ein zweites Moment, worauf man im 
Unterricht überhaupt und so auch bei der Behandlung poetischer Lesestücke Bezug 
zu nehmen hat, ist, daß das Abstraktere aus dem Konkreten durch Ver 
gleichung gewonnen werde. Nie ist das Abstrakte unvermittelt oder dogmatisch 
zu geben. Die Abstraktion muß vielmehr durch die eigene Thätigkeit der Kinder 
gewonnen werden. Das zeigt sich natürlich bei jedem Unterricht, das zeigt sich 
auch im Folgenden au verschiedenen Stellen, vor allen Dingen da, wo es 
gilt, das Eigentümliche der dichterischen Conception von der 
prosaischen zu scheiden. Zu diesem Behufe sind wiederholt Verglei 
chungen zwischen einem vorliegenden prosaischen und dem poetischen 
Stoff veranstaltet worden . . . Aber dabei darf sich der Unterricht immer noch 
nicht beruhigen. Die auf dem angegebenen Wege gewonnene Er 
kenntnis treibt zur Anwendung. Erst diese giebt die rechte Freudigkeit 
und Sicherheit, erst sie zeigt, wie weit und ob Fehler bei dem Abstraktionsprozeß 
gemacht worden sind. Diese Freudigkeit des Könnens weiß der geschickte Lehrer 
wohl zu pflegen, selbst wenn dieselbe in der einfachsten Form auftritt. Die Fähig 
keit, ein kleines G edicht richtig abschreiben, seinen Inhalt wiedererzählen 
oder aufschreiben zu können, womit man in der Mittelstufe sich zu begnügen 
hat, wird als Leistung ebenso freudig zu begrüßen und pädagogisch von gleichem 
Werte sein, wie etwa die Leistung der Oberstufe, die einen ähnlichen Stoff nach 
einem erarbeiteten, d. h. selbst gefundenen Modell behandelt."^) 
*) Rein, Sechstes Schuljahr. S. 70 ff. 
2 ) Poesie in der Volksschule. 1. Reihe. 2. Ausl. S. 4.
	        

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