Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die formalen Stufen in ihrer Anwendung auf poetische Lesestücke. 417 
Diese Ausführungen sind an sich vortrefflich und würden auf allgemeine 
Zustimmung rechnen dürfen, wenn nur die Worte „Abstraktionsprozeß" und „An 
wendung der auf dem angegebenen Wege (d. h. durch Abstraktion) gewonnenen Er 
kenntnis" fortgeblieben wären. Das Abschreiben eines Gedichtes, die mündliche 
und schriftliche Inhaltsangabe: das sind sehr nützliche und notwendige Übungen; 
aber von der Anwendung eines durch einen echten Abstraktionsprozeß 
abgeleiteten Systems ist doch darin nichts zu enldecken. Aus der Wahrheit des 
Satzes: „Jede Abstraktion setzt eine Bergleichung voraus" — folgt nicht die 
Berechtigung des anderen: „Jede Vergleichung führt zu einem Abstraktionsprozeß." 
Eberhardt ist z. B. im Irrtum, wenn er in der Vergleichung zwischen 
einem prosaischen und poetischen Stoff einen Abstraktionsprozeß zu 
erkennen glaubt. Die Abstraktion geht den Merkmalen nach, die einer Mehrheit 
gleichartiger Erscheinungen gemeinschaftlich zukommen; jene Vergleichung 
aber hat den Zweck, den Unterschied zwischen der poetischen und prosaischen 
Darstellung eines Stoffes den Schülern zum Bewußtsein zu bringen. Sie ge 
hört darum der Stufe der Synthese an, weil ihr Ergebnis nicht die Ableitung 
eines Begriffs, einer Regel, eines Gesetzes, sondern die Erkenntnis der kon 
kreten Schönheiten eines einzelnen Gedichtes ist. Der Kontrast zwischen 
Prosa und Poesie läßt die Schönheit der letzteren in um so hellerem Lichte er 
scheinen. Man sehe z. B., wie Eberhardt die Erzählung des Hyginus mit 
Schillers „Bürgschaft" vergleicht, um die Schüler, wie er selbst sagt, in die 
poetischen Schönheiten des Gedichts einzuführen. Eine solche 
Gegenüberstellung kontrastierender Bearbeitungen desselben Stoffes mag unter Um 
ständen sehr zweckdienlich sein; als ein Abstraktionsprozeß ist sie jedoch 
unter keinen Umständen anzusehen, und sie führt mithin auch nicht zu einem 
System in Zillers Sinn. 
Zum Beweise, daß Eberhardt nicht abstrahiert, indem er vergleicht, 
und daß durch seine Vergleichung kein System gewonnen wird, das sich an 
wenden ließe, diene folgende Stelle: „Lesen der Stelle von dem Hindernis des 
Flusses bei Hyginus und Schiller. Was ist neu? Der Dichter gewährt uns 
einen Einblick in das allmähliche Anwachsen des Stromes. Möros irrt trostlos 
an dem Rande des Ufers. Kein Nachen, keine Fähre! Bei Hyginus weint 
Möros, bei Schiller weint und fleht er, die Hände zum Zeus erhoben. 
Nicht nur unthätiges Weinen, nein die höchste Steigerung religiösen Aufschwungs 
im Gebet führt uns der Dichter vor. Das Verrinnen der Zeit, die Steigerung 
der Angst führt zum kühnen Entschluß" (a. a. O. S. 109). 
Nun geht unsere Meinung keineswegs dahin, jedes Gedicht müsse 
nach den säuitlichen formalen Stufen bearbeitet werden; im Inter 
esse der Klarheit jedoch und der gegenseitigen Verständigung ist es dringend 
wünschenswert, daß man die Theorie mit der Praxis in Einklang bringe. Man
	        

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