Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sollte nicht in den theoretischen Erörterungen von Abstraktion und Funktion (An 
wendung) eines abstrakten Systems reden, und dann Systeme aufstellen, die kein 
Hauch der Abstraktion berührte, die deshalb auch nicht funktionieren können. 
Daraus entspringen Verwirrung und unnütze Streitigkeiten. 
Wie würde sich nun die Behandlung eines Gedichts nach den formalen 
Stufen gestalten? 
Die Zielangabe regt die Erwartung an und veranlaßt die Reproduktion 
der zum Verständnis des Gedichts notwendigen apperzipierenden Vorstellungen; 
eine gesonderte, für sich bestehende und von der Syn 1 hese sich scharf absondernde 
Analyse ist vielfach überflüssig (vgl. die vorstehende Präparation). 
Auf der Stufe der Synthese tritt das Gedicht auf. Über die Frage, ob 
man den Kindern gleich beim Beginn der Anschauungsoperation das Gedicht vor 
legen, oder zuvor den Inhalt desselben darstellend erarbeiten solle, wollen 
wir uns hier nicht äußern; sie hat keinen Einfluß auf die Auffassung der Maß 
regeln, die nach dem Gebot der einzelnen formalen Stufen zu ergreifen sind. 
Mag der Lehrer darstellend vorgehen, wie wir es bei dem Gedicht „Der blinde 
König" gethan haben, oder das Gedicht nach vollzogener Vorbereitung vorlesen, 
oder den Kindern das Lesen übertragen und eine Wiedergabe des Gelesenen in 
größeren oder kleineren Abschnitten fordern: die Aufgabe, die ihm die Synthese 
stellt, bleibt immer dieselbe, er soll die Schönheit des Gedichts den 
Kindern zur Anschauung bringen, soweit es möglich ist. Alle Unter 
richtsfächer stehen im Dienste derselben Idee, die H erbart durch den Ausdruck 
„gleichschwebende Vielseitigkeit des Interesses" bezeichnet, aber jedes Fach sucht 
doch die Realisierung dieser Idee in seiner Weise zu fördern; so der Religions 
unterricht (sittlich-religiöses Interesse), so der Geschichtsunterricht (sociales Interesse, 
Verständnis der Gegenwart), so auch die deutsche Litteratur (ästhetisches Interesse). 
Niemand kann anderen mitteilen, was er selbst nicht hat; die größte me 
thodische Kunst verfehlt gänzlich ihren Zweck, wenn der Lehrer des Deutschen 
nicht innere Wärme für das Schöne mit einer gewissen Einsicht in das Wesen 
der poetischen Schönheit verbindet. „Man vergesse," sagt Eberhardt a. a. O. 
S. 6, „bei keinem Unterrichtsgegenstand, am wenigsten bei denen, welche der Er 
ziehung im besonderen Sinne dienen, daß die erziehliche Wirkung nicht zu stände 
kommt, ohne daß Stimmung gemacht und eine gewisse Temperatur erzeugt 
wird . . . Tönt die Stimme des Lehrers nicht wieder von dem Stoff, ist mit 
der Stimme beim Vortrag eines Gedichtes von seiten des Lehrers das Gefühl 
nicht associiert, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß auch die Aufnahme in ähn 
licher, d. h. nüchterner Weise erfolgt." 
Allein diese Stimmung und Wärme, die sich vom Lehrer auf den Schüler 
überträgt, genügt noch nicht, um den Erfolg der unterrichtlichen Behandlung 
deutscher Gedichte zu sichern; der Lehrer muß auch Rechenschaft darüber geben
	        

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