Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

420 I. Abteilung. Abhandlungen. 
Freude (Form der Aus gleich unng), so daß wir auch die That des Räubers 
nicht wegwünschen. 
Guuilde gewinnt unsere Teilnahme durch ihre Fürsorge für den Vater, 
dem sie das Leben nach Kräften zu erleichtern und zu erheitern sucht (Idee des 
Einklangs). 
Dieselbe Idee zieht uns zu dem Königssohne hin. Bei ihm aber er 
hebt sich die Liebe zum Wohlwollen. Er macht den Wunsch des Vaters 
und der Schwester zu dem seinigen, will ihrem Schmerze, ihrer Angst ein Ende 
machen. Sein Mut gefällt nach der Idee der Vollkommenheit, ebenso 
seine Thatkraft. Wohl liebt er das Leben, wohl rechnet er mit der Möglich 
keit, daß er im Kampfe erliegt, aber er thut gleichivohl, was die Pflicht ihm 
gebietet (Idee der inneren Freiheit, Form des Charakteristischen). 
Die That des Räubers mißfällt als frecher Rechtsbruch (Idee des 
Rechts, Form des Korrekten) und als beabsichtigte Wehethat (Idee der 
Vergeltung), und dieses Mißfallen übertönt die Stimme des Beifalls, den 
uns seine Kraft abnötigt (Idee der Vollkommenheit). Befriedigt ver 
nehmen wir den Ausgang des Kampfes (Idee der Vergeltung). 
Die Ritter erregen unser Mißfallen durch ihren Mangel an Mut (Idee 
der Vollkommenheit); aber eben dieser Mangel erhöht unsere Wertschätzung 
des jungen Helden, der unverzagt unternimmt, was keiner sonst besteht. So muß 
überhaupt das Häßliche, das uns in dem Gedichte entgegentritt, lediglich dazu 
dienen, die Schönheiten desselben in höherem Glanze erstrahlen zu lassen (Form 
der harmonischen Ausgleichung). 
Sehr kunstvoll hat der Dichter die Einheit der Handlung gewahrt 
(die auch der erweiterten Form des Einklangs unterzuordnen ist), indem er 
von Anfang bis zu Ende den König in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. 
„Alles gruppiert sich um ihn herum, den gewesenen Helden, wir verlassen ihn 
keinen Augenblick; denn auch mit dem Hervortreten des Räubers wechseln wir 
nicht etwa unseren Standpunkt, wir sehen und hören den Räuber von fern, wie 
ihn die Umgebung des Königs sieht und hört. Und doch bleibt nichts undeutlich, 
nichts der klaren Auffassung entgegen: durch das Ohr des Königs und durch 
das ergänzende Gesicht der Umstehenden kommt alles bestimmt und vollständig 
auch zu unserer Kenntnis. Das ist die bescheidene Kunst eines Meisters" 
(Hiecke, Gesammelte Aufsätze. I. S. 15). 
Ebenso glücklich ist die Einheit der Stimmung durchgeführt (Form 
des Einklangs). Ein elegischer Hauch weht durch das ganze Gedicht, und es 
entspricht dem Alter und dem hilflosen Zustande des leidgeprüften Königs, daß 
er am Schluß nach dem glücklichen Ausgang des Kampfes nicht in stürmischen 
Jubel ausbricht, sondern unS entläßt mit dem Hinweis auf einen mildverklärten 
Lebensabend und ein ehrenvolles Grab.
	        

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