Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die formalen Stufen in ihrer Anwendung auf poetische Lesestücke. 421 
Endlich gefallen uns Rhythmus und Reim, sowie die zahlreichen Alli 
terationen nach der Form des Einklangs. 
Der Löwenanteil an dem ästhetischen Interesse, das das Gedicht uns ein 
flößt, fällt, wie man sieht, dem Inhalte, d. h. den Charakteren, der Handlung 
und den Situationen zu, welche die Handlung herbeiführt; die Führung der 
letzteren und die sprachliche Form der Darstellung kommen erst in zweiter Linie 
in Betracht. Nach unserer Ansicht ist das bei jedem Gedichte der Fall, das 
Kindern ohne Einschränkung gefällt. Am 3. Oktober 1828 unterhielt sich 
Goethe mit Eckermann und seiner Schwiegertochter über „Fair Maid of 
Perth“. Er sagte dabei n. a.: „Der König, der königliche Bruder, der Kron 
prinz, das Haupt der Geistlichkeit, der Adel, der Magistrat, die Bürger und 
Handwerker, die Hochländer, sie sind alle mit gleich sicherer Hand gezeichnet und 
mit gleicher Wahrheit getroffen" (Form des Charakteristischen). „Die 
Engländer," sagte Frau von Goethe, „lieben besonders den Charakter des Henry 
Smith, und Walter Scott scheint ihn auch zum Helden des Buches gemacht zu 
haben. Mein Favorit ist er nicht; mir könnte der Prinz gefallen." „Ihr 
Frauen habt unrecht," erwiderte Goethe, „wenn ihr immer Partei macht. Ihr 
leset gewöhnlich ein Buch, um darin Nahrung für euer Herz zu 
finden, einen Helden, den ihr lieben könntet. So soll man aber 
eigentlich nicht lesen, und es kommt gar nicht darauf an, daß euch dieser oder 
jener Charakter gefalle, sondern daß euch das Buch gefalle."^ Kinder sind 
nicht imstande, sich zu der Höhe der Kunstbetrachtung eines Goethe zu erheben; 
sie stehen auf dem Standpunkte der Frau von Goethe, und das Interesse, das 
sie einem Buche oder einem einzelnen Gedichte entgegenbringen, wird in erster 
Linie durch den Helden bestimmt, der ihre Teilnahme, ihre Begeisterung viel 
leicht erregt. Verfasser hat wiederholt die Erfahrung gemacht, daß Mädchen im 
Alter von 16 bis 17 Jahren Körners „Zriny" dem „Prinzen von Homburg" 
von Heinrich von Kleist vorzogen, und Bürgers „Lied vom braven Mann" hat 
ungleich mehr Herzen erhoben und erwärmt, als desselben Dichters viel kunstvoller 
gestaltete „Lenore". 
Der herrschenden Praxis gegenüber bedarf übrigens unsere Betonung der im 
Inhalte der Dichtungen liegenden ästhetischen Verhältnisse im Vergleich mit den 
wohlgefälligen Formen, die in der besonderen Art der Darstellung jenes Inhalts 
zu Tage treten, keiner besonderen Rechtfertigung. Behandelt man doch vielfach 
ein Gedicht ganz ebenso, wie eine beliebige prosaische Erzählung, einen Abschnitt 
aus dem geschichtlichen Lesebuche u. s. w. Mau vergleiche z. B. die Unterrichts 
beispiele im fünften und sechsten Schuljahr von Rein. Die Behandlung des 
Gedichts „Der Sänger" (von Goethe) nimmt dort folgenden Verlauf: Vorbereitung. 
') Eckermann, Gespräche mit Goethe. II. S. 13. 
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