Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die formalen Stufen in ihrer Anwendung auf poetische Lesestücke. 423 
die Felder", „stets Pfeiler bei Pfeiler zerborst und brach"), bald die sich stei 
gernde Angst des Zöllners oder des Dichters schildern. 
Vielleicht geht Eberhardt hier etwas zu weit; vielleicht lenkt er den Bei 
fall, den die Kinder der Dichtung zollen, gar zu sehr auf den Dichter ab, der 
absichtlich und planmäßig einen gegebenen Stoff veränderte, um dadurch gewisse 
Wirkungen zu erzielen. Gegenüber einer Verfahrungsweise jedoch, die nur den 
Inhalt berücksichtigt, bezeichnet die von ihm empfohlene Art der Behandlung 
einen bedeutenden Fortschritt. Man soll das eine thun, und das andere nicht 
lassen; den Stoff zu seinem Rechte kommen lassen, aber auch die Form der Dar 
stellung besprechen, soweit ein Verständnis für die Schönheit derselben und damit 
eine Vertiefung des ästhetischen Eindrucks vorauszusetzen ist. Ist die sachliche und 
sprachliche Behandlung des Gedichts zum Abschluß gekommen, das Bewußtsein in 
den Kindern lebendig geworden, daß das Gedicht Anspruch hat auf das Prädikat 
„schön-", so trägt der Lehrer das Gedicht vor, so schön, wie es in seinen 
Kräften steht. Dabei treten neue ästhetische Elemente in die Erscheinung; der 
ausdrucksvolle, dem Inhalte stets angemessene Ton des Vortrags gefällt nach der 
Form desCharakteristischen. Eventuell schließt sich das Memorieren des 
Gedichts und das Rezitieren desselben unmittelbar an. 
Association und System. 
Das System ist ein allgemeiner Satz, der bald einen Begriff definiert, bald 
eine Regel, ein Gesetz ausdrückt. Das Allgemeine wird nicht vom Lehrer ge 
geben, sondern vom Schüler gefunden. Man stellt mehrere konkrete Erscheinungen 
zusammen, die einander ähnlich, d. h. teils gleich, teils entgegengesetzt sind, stellt 
durch Vergleichung die gemeinsamen Züge fest und faßt diese zusammen. Der 
Inhalt des Systems richtet sich nach dem besonderen Zwecke des Unterrichts 
gegenstandes ; andere Systeme verlangt der Religionsunterricht, wieder andere der 
Geschichtsunterricht, die Geographie, die Physik u. s. w. Der Zweck, der uns 
bei der Behandlung deutscher Gedichte vorschwebt, ist die Weckung und Stärkung 
des ästhetischen Gefühls und die Erkenntnis des Schönen, das uns von den 
Dichtern dargeboten wird. Folglich sind allgemeine Sätze aus der Ästhetik 
die Systeme, auf die wir im deutschen Unterrichte loszusteuern haben. Die 
Sätze geben z. B. eine Erklärung der Begriffe — Gedicht, episches, lyrisches 
Gedicht, Strophe, Vers, Versfuß, Jambus, Trochäus, Metapher, Reim u. s. w.; 
oder sie verherrlichen den Mut, die Tapferkeit, die Thatkraft, die Beharrlichkeit, 
die Liebe, die Freundschaft, das Mitgefühl, die Überzeugungstreue u. s. w. So 
weit die ästhetischen Begriffe zugleich ethischer Natur sind (Wohlwollen, 
Dankbarkeit, Überzeugungstreue), darf man sie auf der Oberstufe der Volksschule 
als bekannt voraussetzen. Es wird sich also im wesentlichen darum handeln, 
einige Hauptbegriffe aus der Poetik und Metrik zu gewinnen. Das ist gar nicht 
besonders schwierig, erfordert auch nicht viel Zeit, macht den Kindern Freude und 
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