Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Aus der Welt des Traumes. 
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In dem Ticktack der Pendeluhr hört der Träumende wohl die Schläge einer 
Axt oder das Bellen eines Hundes. Das Rollen des Donners kann uns mitten 
in eine Schlacht versetzen, das Krähen eines Hahnes verwandelt sich unter Um 
ständen in das Angstgeschrei eines Menschen, das Knarren einer Thür vermag 
Träume von räuberischen Einbrüchen hervorzurufen. Ein enger Hemdkragen kann 
uns im Traume an den Galgen bringen. Verlieren wir während des Schlafes 
unsre Bettdecke, so träumen wir vielleicht, daß wir nackt oder nur halb bekleidet 
auf der Straße umhergehen. Jemand, der ein Blasenpflaster auf dem Kopfe 
liegen hatte, träumte, daß er von Indianern skalpiert werde. Ein andrer, der 
im Schlafe mit den Füßen an eine Wärmeslasche kam, machte im Traume eine 
Wanderung auf der heißen Lava des Ätna, Ein im Schlafe eintretender Anfall 
von Podagra ließ einen Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition 
und erdulde die Qualen der Folter. Maurp, ein verdienter französischer Traum 
forscher, erzählt, wie er einst träumte, daß man seinen Kopf auf einen Amboß 
lege und darauf loshämmere. Er hörte im Traume sehr deutlich die schweren 
Hammerschläge; anstatt daß aber der Kopf dadurch in Stücke ging, zerschmolz er 
zu Wasser. Beim Erwachen fand sich Maury in Schweiß gebadet und hörte 
zugleich in einem benachbarten Hofe, wo ein Schmied wohnte, den Schall von 
wirklichen Hammerschlägen. Mir träumte einmal, jemand fasse mich von hinten 
und drücke mir die Kehle zu. Ich erwachte- vor Schrecken und empfand Trocken 
heit und Schmerz im Halse, wie wenn mir der Hals zugeschnürt wäre. Ein 
andermal wanderte ich im Traum durch die Straßen der Stadt. Es regnete 
heftig, und da ich keinen Schirm hatte, stellte ich mich unter einen am Wege 
stehenden Schuppen. Ich erwachte und hörte draußen das Klatschen eines heftigen 
Regens. Einmal hatte ich mich nach Mittag in einen Sessel bequem hingesetzt 
und die Füße auf einen davorstehenden Stuhl gelegt. Bald war ich ein 
geschlummert und träumte, ich gehe eine mit sehr glatten Eisenplatten belegte 
Treppe hinunter, wobei ich fortwährend auszugleiten drohte. Auf der letzten 
glitt ich wirklich aus, und der Schreck darüber führte das Erwachen herbei: Meine 
Füße waren vom Stuhl herabgerutscht. Müller von Guttenbrunn träumte einst, 
daß er in einem Schlitten über eine unabsehbare, schneebedeckte Ebene dahinfahre. 
Mich fror, erzählt er, und ich hüllte mich fester in meinen Pelz. Ich wollte 
ernst über eine wichtige Sache nachdenken, aber das gellende, scharfe Geklingel der 
Schellen am Geschirr der Pferde störte mich. Ich befahl, die Schellen zu ent 
fernen. Es geschah, aber sobald der Schlitten sich in Bewegung setzte, klingelte 
es wieder und zwar ärger als zuvor. Ich ergriff die Schellen und steckte sie in 
die Tasche — es klingelte fort; ich legte sie unter meinen Sitz — es klingelte 
fort! Ich stemmte meine Füße darauf — es klingelte fort. Da sprang 
ich nervös erregt in die Höhe; ein eisiger Luftzug riß mir den Pelz von 
der Schulter und ich erwache in dem Augenblicke, als meine Hand
	        

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