Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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Aus der Welt des Traumes. 
hinein, die mit der gesuchten Vorstellung in gar keiner Beziehung standen. Sobald 
nun der Wille abspringt, lösen sich die gleichsam festgekeilten Gedanken; aber die 
Tendenz des Suchens, wenn der Ausdruck erlaubt ist, steckt noch in ihnen. Sie 
können sich jetzt freier ergehen, und in ihren Verbindungen dem Zuge der natürlichen 
Verwandtschaft folgend, treffen sie auch auf das gesuchte Wort, das uns schon 
dunkel vorschwebte, und heben es aus dem Meere der Vergessenheit an die Ober 
fläche empor. Es ist ganz dieselbe Erscheinung wie im Traume, nur daß hier die 
Phantasie andere gleichzeitig erneuerte Vorstellungen zum sinnenfrischen Bilde verwebt. 
Allgemein bekannt ist, wie oft die Beschäftigungen des Tageslebens in unser 
Traumleben Hineinspielen. Oft wiederholt sich im Traume unter mannigfacher 
Änderung, was wir am Tage getrieben haben, mitunter spinnen wir auch die 
Gedanken weiter, die durch den Eintritt des Schlafes abgebrochen wurden. Das 
führt zuweilen zu ganz eigentümlichen Erscheinungen. Es kann vorkommen, daß 
wir eine Aufgabe, deren Lösung uns am Tage beim besten Willen nicht gelingen 
wollte, im Traume zustande bringen. Raffael soll die Sixtinische Madonna, 
mit der er sich schon lange in Gedanken beschäftigt hatte, in ihrer Vollendung 
im Traume geschaut und danach sein Bild gemalt haben. Franklin sah bisweilen 
im Traume den weiteren Verlauf eines schwierigen Tagewerkes voraus. Prof. 
Wähner in Göttingen erzählt, wie er als Gymnasiast einst die Aufgabe bekommen 
habe, einen bestimmten Gedanken in zwei griechischen Versen auszudrücken. Ver 
gebens quälte er sich mehrere Tage damit ab. Da wacht er plötzlich in der 
Nacht auf; er hat die Verse im Traume gefunden. Er klingelt seiner Wärterin, 
läßt sich Tinte, Feder und Papier ans Bett bringen und schreibt die zwei Verse 
nieder. Als er am Morgen erwacht, hat er alles vergessen, findet aber zu 
seinem Erstaunen die beiden wohlgelungenen Verse von seiner eigenen Hand ge 
schrieben auf seinem Tische vor. Erst von seiner Wärterin erfuhr er, was in 
der Nacht geschehen war. — Der berühmte Komponist und Geigenspieler Tartini — 
so wird berichtet — hatte sich eines Abends vergeblich an einem längeren Satze 
einer neuen Sonate abgemüht. Voll Unmut darüber ging er zu Bette. Während 
seines Schlafs tritt der Teufel ins Zimmer, ergreift die auf dem Tische liegende 
Geige und spielt in korrekter Tonfolge mehrmals den ganzen Satz vor, an dem 
die Kunst des Komponisten gescheitert war. Höhnend ruft er ihm zu, ob er auch 
so schön spielen könne. Tartini erwacht; das Gehörte steht noch lebhaft vor 
seinem Geiste; er springt auf, nimmt die Geige, spielt nach, und schreibt nieder. 
So entstand die Teufelssonate, eins der besten Werke des berühmten Meisters. 
Weisen solche Thatsachen, deren hier noch eine große Zahl angeführt werden 
könnte, nicht auf eine Steigerung unsrer Geistesthätigkeit im Schlafe hin? Ist 
es nicht, als ob eine höhere Macht im Traume sich zu uns herablasse und als 
reife Frucht uns in den Schoß lege, was die mühsame Arbeit des Tages vergeblich 
zu erringen gesucht hat?
	        

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