Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Bei näherer Betrachtung schwindet das Wunderbare. Es handelt sich hier 
um eine handgreifliche und grobe Verwechslung. Man schreibt dem Traume zu, 
was eigentlich nur Wirkung der angestrengten Tagesarbeit ist. Wenn wir uns 
den ganzen Tag abgequält haben, um mit einer schwierigen Angelegenheit ins 
reine zu kommen, so darf es doch gar nicht wunder nehmen, daß unsre Gedanken 
arbeit sich auch noch bis in den Schlaf hinein fortsetzt. Durch das fortwährende, 
unablässige Hinzielen auf deu einen Gegenstand ist die ganze Vorstellungsentwicklung 
derartig in eine bestimmte Richtung hineingedrängt worden, daß sie, sobald der 
Druck der Schlasempfindung nachläßt, ihre abgebrochene Thätigkeit wieder auf 
nimmt. Das Ergebnis der nächtlichen Gedankenarbeit ist im Wachen schon voll 
ständig vorbereitet, die Elemente, aus denen es sich zusammensetzt, liegen fertig 
vor, der Traum sammelt sich nur, löst sich los aus der Verwicklung mit den 
mannigfachen Erregungen, die das Tagesleben mit sich bringt, wie uns ja auch 
am Tage mitunter ein glücklicher Einfall auf eine Lösung bringt, die wir durch 
angestrengtes Denken nicht zu finden vermochten. So wenig ein solcher Einfall 
möglich ist ohne vorangegangene Denkarbeit, ebensowenig vermag der Traum eine 
künstlerische und logische Arbeit zu vollbringen, die nicht in selbstbewußter Thätig 
keit ihrem Ende schon nahe gebracht ist. Sodann ist nicht zu vergessen, daß mit 
der Beendigung der nächtlichen Geistesarbeit gewöhnlich auch das Erwachen ein 
tritt, ein deutlicher Hinweis darauf, daß die Lösung wohl im Grunde dem aus dem 
Schlafe sich emporringenden Bewußtsein angehört. 
Eine Thatsache, die jeder an sich beobachten kann, läßt übrigens unsere 
staunenswerten geistigen Fähigkeiten, die wir mitunter im Traume zu entfalten 
glauben, in einem etwas eigentümlichen Lichte erscheinen. Es begegnet uns nicht 
selten, daß wir im Traume eine geradezu großartige Redebegabung entwickeln, 
daß wir geläufig in fremden Sprachen reden, die wir am Tage nur radebrechen, 
daß wir die schönsten Gedichte fertigen, während sonst unser Pegasus ein steifer 
Bock ist, daß wir in Witzen und Wortspielen uns ergehen, die einem Moliöre 
und Shakespeare Ehre machen würden. Gewöhnlich haben wir beim Erwachen 
nur eine ganz dunkle Erinnerung daran. Mitunter aber leuchtet so ein nächtlicher 
Geistesblitz doch bis in das wache Bewußtsein hinein, und da ergiebt sich denn 
in 99 von 100 Fällen, daß wir in einer groben Täuschung befangen waren. Was 
wir im Traume für neu, erhaben und geistreich hielten, das entpuppt sich als 
ganz bekannt, gewöhnlich, platt und ungereimt, zuweilen geradezu als barer Unsinn. 
Der schon mehrfach erwähnte Maury träumte einmal, er habe ein wunderschönes 
lateinisches Gedicht verfertigt. Beim Erwachen hatte er noch einige Verse in 
Erinnerung und merkte nun zu seinem Erstaunen, daß es bekannte und noch dazu 
arg verstümmelte Verse aus Horaz waren. 
Die bisher besprochenen Träume, so wunderbar manches in ihnen uns auch 
aus den ersten Blick erscheint, haben sich als aus dem Tagesleben erklärbar erwiesen.
	        

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