Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sein lebhaft vor seinem Geiste gestanden. Er kannte die Gefahren, die ihn bei seinen 
Gletscherfahrten bedrohten, und jetzt, wo er eine neue Reise unternehmen wollte, standen 
sie in voller Lebhaftigkeit wieder vor seinem Geiste. Ganz natürlich, wenn er 
nun auch davon träumte. Vielleicht ist ein äußerer Umstand dabei noch mitwirkend 
gewesen. Man denke sich, daß die Bettdecke während des Schlafes sich verschob. 
Der teilweise entblößte Körper erkaltete, und das Gefühl der Kälte rief die dem 
Schlafenden schon längst geläufige Vorstellung des eisigen Grabes in der Gletscher 
spalte wach. — Daß Calpurnia von dem Tode ihres Mannes träumt, wird 
niemand befremden. Sie kennt den Ehrgeiz Cäsars; sie weiß, daß er nach der 
Königskrone trachtet; sie weiß, wie seine Feinde geschäftig sind; nun steht der 
Tag bevor, der ihn an das Ziel seiner Wünsche bringen soll; sie bangt, sie fürchtet 
für ihren Gemahl, und diese Furcht erzeugt den Traum. 
Auf gleiche Weise läßt sich wohl die Mehrzahl der prophetischen Träume 
erklären. Am häufigsten sind wohl die Träume, die uns den Tod eines lieben 
Angehörigen voraussagen. Gewöhnlich stellen sie dann sich ein, wenn der Betreffende 
schon erkrankt ist. Die Befürchtungen, die wir am Tage vielleicht gewaltsam 
zurückdrängen, machen sich im Traume mit verstärkter Gewalt geltend und lassen 
verwirklicht erscheinen, was wir wachend zu denken nicht wagten. Stirbt nun der 
Kranke, so hat sich der Traum erfüllt, stirbt er nicht, so wird der Traum ver 
gessen. Es ist wie mit den Wetterprophezeiungen des hundertjährigen Kalenders. 
Die wenigen Voraussagungen, die zufällig eintreffen, werden gemerkt, und darauf 
stützt man seinen Glauben daran, die übrigen beachtet man nicht. Wenn ich einem 
Bekannten, der in der Lotterie spielt, sage: Bei der nächsten Ziehung wirst du 
den Gewinn davontragen — und meine Voraussage erfüllt sich, so bin ich darum 
noch kein Prophet. 
Es bleibt uns nun noch die allerdings verhältnismäßig geringe Zahl von 
Träumen übrig, an denen alle menschliche Erklärungskunst scheitert, Träume, die 
zukünftige Ereignisse oder Vorgänge, die in weiter Entfernung sich abwickeln, 
entweder in symbolischer Verkleidung oder in getreuer Wiedergabe aller Einzel 
heiten des wirklichen Geschehens als gegenwärtig abspiegeln. Das Vorkommen 
solcher Träume ist durch eine Reihe gut beglaubigter Thatsachen erhärtet. Aber 
es ist übereilt, wenn man daraus, wie es oft geschieht, den Schluß zieht, das Traum 
leben der Seele stehe höher als das Wachleben, der Geist entfalte darin seine 
Schwingen zu freierem Fluge und nehme an einer höheren Ordnung der Dinge 
teil. Rein! Das selbstbewußte, vom Verstand und dem selbstbestimmungsfähigen 
Wollen geleitete Leben ist das eigentliche Leben, in ihm allein zeigt sich der Mensch 
als gottähnliches Wesen. Das Traumleben steht in jeder Beziehung niedriger; 
es ist dem Affen gleich, der scheinbar mit Sinn und Verstand, in Wirklichkeit 
aber mechanisch alles nachahmt, hin und wieder auch wohl zufällig einmal sein 
Vorbild an Geschicklichkeit übertrifft. Vorgänge aber, wie die erwähnten, Träume
	        

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