Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Herbstkonferenz des ev. Lehrervereins für Minden-Ravensberg. 441 
bücher ausgesetzt, etwa als bequemes wuchtiges Kampfmittel bei Prügeleien und 
sonstwie profaniert sähe. Weiter sei principiell zu beanstanden, daß ein Buch, 
das nicht entfernt für Kinder entworfen und verfaßt sei, ohne weiteres der Ju- 
gend zu neugierigem oder verständnislosem Gebrauch in die Hand gegeben werde, 
wodurch man grade die in der Bibel gebotene Unterscheidung von Milch und 
Speise verabsäume. Ferner, was das sittlich Bedenkliche anlange, so sei es 
zwar sehr anzuerkennen, daß Referent sich das schließlich in dieser Anwendung zur 
hohlen, ja heuchlerischen Phrase gewordene Wort „Dem Reinen ist alles rein" 
nicht aneignen wolle; auch sei die falsche Prüderie gewiß nicht gut zu heißen; 
immerhin komme er noch zu leicht über die schwere Sache hinweg, wenn er sich 
damit beruhige: „Es gehört schon ein großer Grad von Unreinheit, von sittlicher 
Verderbnis dazu, wenn ein Schüler aus der heil. Schrift, wenn er anders noch 
etwas Respekt vor der Bibel und etwas Furcht vor dem h. Gott habe, dessen 
Strafe, ja furchtbare Strafe der Sünde ihm auf jedem Blatt entgegentritt, sich 
grade aus der Bibel die betreffenden Stellen aufsucht oder andern Kindern zeigt." 
Freilich seien das schon verdorbene Kinder, aber solche räudigen Schafe fänden sich 
wohl in jeder großen Klasse und wer schütze nun die unverdorbenen vor solcher 
durch das Medium der heil. Schrift so leicht herbeizuführenden Ansteckung? Ge 
wiß trete auch sonst genug Verführung an die Kinder heran. Aber soll denn 
grade die heil. Schrift zu einem Verführungsmittel herabgewürdigt werden, durch 
das der zündende Funke arger Gedanken in das unbehütete Kindesherz fällt und 
dort jenen verheerenden Waldbrand anrichtet, der in seinen Folgen alles Gute 
und Ideale in dem Gemüte versengt? Dazu ist doch die Bibel zu heilig! — 
Der Geistliche und Lehrer soll seine Schüler ermahnen und anleiten, die Bibel 
fleißig zu lesen; wie kann er das mit ruhigem Gewissen, wenn er doch dringend 
wünschen muß, daß der Schüler das heil. Buch nicht so gründlich und aufmerk 
sam lese, daß er auf jene bedenklichen Stellen aufmerksam werde! Hier liege 
geradezu ein Widerspruch vor. — Endlich, wenn man die Schulbibelfrage mit 
der Frage des erbaulichen Gebrauchs der Bibel überhaupt in Zusammenhang 
bringe, so sei allerdings zuzugestehen, daß durch die fortschreitende Schriftforschung 
in dieser Hinsicht eine Wandlung herbeigeführt werde; man könne manches in der 
Bibel in der That nicht mehr mit der früheren Unbefangenheit unmittelbar zur 
Erbauung anwenden/- was früher oft nur möglich war mittelst des allego 
rischen Schriftverständnisses. Sei es nun jetzt z. B. allgemein anerkannt, daß 
das „Hohelied" eigentlich ein Lobpreis irdischer Liebe ist, so müsse man doch Be 
denken tragen, die Jugend es lesen zu lassen. Ja, man müsse weiter gehen und 
sagen, daß die Sitte, unreifen Gemütern die ganze Bibel zur Lesung zu über 
liefern, aus einer Zeit stamme, wo man noch wenig auf das fragende Entgegen 
kommen und Verstehenwollen des Schülers zu rechnen pflegte, sondern ihm das 
religiöse — wie auch alles übrige — Wissen mehr dogmatisch darbot und ein 
prägte, wo man ein geschichtliches Verständnis der heil. Schrift überhaupt noch 
’) Dahin gehört auch die Erkenntnis, daß der sittliche Standpunkt des Alten Testa 
ments — der allgemeinen Offenbarungsstufe entsprechend — dem neutestamentlichen nicht 
ebenbürtig ist; gewiß straft die h. Schrift allenthalben die Sünde, aber sie kann doch 
nur strafen in dem Maße, als die Menschen, die Frommen, ihrerseits die Sünde als 
solche mehr und mehr erkennen. In den geschlechtlichen Dingen war jenen Männern 
vieles eben noch nicht sündhaft, wie die Vielweiberei und in der häßlichen Geschichte von 
Juda und Thamar I. Mos. 38. fehlt z. B. unserm christlichen Empfinden die Bestrafung 
durchaus; ja, das Wort: „Sie ist gerechter denn ich" V. 26 klingt beinahe wie ein Lob!
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.