Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
„So tauml' ich von Begierde zu Genuß, — 
Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde." 
Weiter v. Hartmanns sog. „Philosophie des Unbewußten." 
Sie ist eine Metamorphose von Schopenhauers Lehre, teilweise in der Rich 
tung zum Besseren, im Anschluß an das frühere Schellingsche System. 
v. Hartmanns Philosophie will den subjektiven Material- 
Jntellektualismus nur umbilden — in einen objektiven kosmischen; sie 
wurzelt in der Identifizierung des Willens mit dem zweckmäßig wirkenden 
Triebleben der Natur, und in der Verkennung eines selbständigen 
geistigen Daseins; sie zieht besonders an dadurch, daß sie einen Grund 
zug der deutschen Philosophie, (von Leibniz, — Kant, Fichte, — be 
sonders Schelliug und Hegel) fortführt, der nämlich seinen Ausdruck findet in 
der Lehre von einem unbewußten geistigen Leben nicht bloß im Geiste selbst, son 
dern auch in der Natur. 
„Steckt ein Riesengeist darinnen, 
Ist aber versteinert in allen Sinnen." (Schelliug.) 
Es wird nun ausgeführt — mit vielen Thatsachen, wie es bisher noch 
nicht geschehen—; die unbewußte, aber zweckmäßig bildende Thätig 
keit im leiblichen Organismus der Pflanzen- und Tierwelt, in allen Gebieten 
des geistigen Lebens: im Denken und Fühlen, im sittlichen Wollen und Han 
deln, in der Kunst, in der Sprache und in der Geschichte; aber auffallender 
weise findet keine Beachtung: das höchste und edelste Gebiet des unbe 
wußten Geistlebens, welches Kant in dem in jedem Sinnenmenschen unbewußt 
wirkenden Jdealmenschen nachzuweisen anfing. 
Diese Lehre schließt wieder ab in einem höchsten absoluten Princip 
der All-Einheit, das kein Bewußtsein, gleichwohl aber (ein innerer 
Widerspruch) Allweisheit besitzen soll. 
Sie will ferner zwei Extreme verknüpfen: Schopenhauers Lehre 
von der Unvernunft des Wollens und dem Elend des Daseins — 
mit Leibnizs Ansicht von der bestmöglichen Welt; behauptet aber, daß diese 
(Welt) immer noch schlimmer sei als gar keine; und endigt daher mit der 
Lobpreisung des Todes, als der völligen Vernichtung der Persönlichkeit und als 
das Ende des allgemeinen Schmerzes des Daseins. 
Wider v. Hartmann: ä) Widerspruch: das allw eise Unbewußte soll 
die Erz du mm heit begangen haben, das Unlogische im Weltentwicklungs- 
prozeß zum aktuellen Sein zu bringen, — und seine Logik sich demnach die 
Aufgabe setzen müssen, die Welt in Nichts zurückzuwerfen. 
5) Blindheit: es wird ungerechtfertigt und erfahrungswidrig 1. die 
unbewußte, vorzüglich in I n sti nkth a n d l u ng en hervortretende Zweck 
thätigkeit im Naturleben gleichbedeutend genommen mit dem vor bewußten, aber
	        

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