Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Aus dem Nachlasse t F. W. Dörpfelds. 
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in das Bewußtsein stets emporsteigenden Geistesleben; 2. und infolge der 
pantheistischen Grundansicht wird die geistig sittliche Persönlichkeit und Un 
sterblichkeit geleugnet. 
o) Gemeinheit: es werden (wie bei Schopenhauer) solche sittlichen Ver 
hältnisse, welche — wie z. B. das Geschlechtsleben — eine sinnliche Seite haben, 
aber gerade von dem Menschen vergeistigt und versittlicht werden sollen und 
können, nur von der niedrigen, sinnlichen Seite aufgefaßt, und in un 
würdiger Weise besprochen. 
ä) Bramarbasieren: Wider den angeblichen Beweisgrund gegen die 
Unsterblichkeit, „daß diesem Glauben nur der Philister huldige," hat ein wackerer 
deutscher Bürgersmann (Moritz Müller aus Pforzheim) bereits mit Recht ge 
sagt, daß gerade alle großen Männer diesen Glauben gehegt, der Philister da 
gegen — jene Dutzendware von Menschen, die im Leben sortduseln, sich am 
wenigsten um ein Jenseits kümmert. (Goethe, mit Falk über die Seelenwande 
rung sprechend, wobei ein Hund immer dazwischen bellte, sagte: „Mich kriegst 
du so weit nicht herunter.") 
Weiter — dazu tretend und verstärkend — vom naturwissenschaftlichen 
Standpunkt: die Lehre Darwins, wie die vorhergegangenen Theorien von 
Mill (Logik), von Buckle und Leky (Kulturgeschichte), welche gleichfalls den 
Erfahrungsstoff einseitig und irrig auslegten. 
Es lag in der ganzen von dem Höheren zu dem Niederen abfallenden 
Richtung, daß nachdem von allen Seiten nur das Sinnliche und Tierische 
im Menschen als Kern und Wesen desselben dargestellt war, nun die Wissenschaft 
auch grundsätzlich den Menschen auf das Tier herunterbrachte. (Mill, Buckle 
und Darwin wurden mit offenen Armen aufgenommen.) 
Woher diese Strömung? Allgemeiner Grund: im Mittelalter 
herrschte (in der Wissenschaft und im Leben) ein unvermittelter Dualismus 
— Geist und Natur, Geistliches und Weltliches, Kirche und Staat. 
In der neuern Zeit darum: das Suchen und Streben nach Einheit von 
Göttlichem und Menschlichem, — Geist und Natur — Staat und Kirche. 
Cartesius ^Philosophie): noch schrofferer, keine Vermittlung zulassender Dua 
lismus — die denkende und die ausgedehnte Substanz. 
Dagegen Spinoza — Einheit suchend, und zwar: Geist und Natur nur als 
zwei Attribute einer und derselben absoluten Substanz. (Andere — anders.) 
Mittlerweile wurde auf dem politischen Gebiete (von Fichte philosophisch 
begründet) die Einheitrichtung im Staate zur Geltung und jüngst zum Ab 
schluß gebracht. 
In Frankreich, welches in allen Gebieten zuerst die Einheitrichtung er 
greift, — trat aus: Lama rk (1808) — „philosophie zoologique“ —, der 
nachweisen wollte, daß die ganze Entwicklung (Mannigfaltigkeit) des Tierreichs
	        

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