Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
schenkt. Die diesbezüglichen Forderungen lauten: „Konfession alität der 
Schule. Möglichste Durchführung einer einheitlichen Volks 
erziehung in den ersten Schuljahren (Einheitsschule). Gesetz 
liche Zulassung freier Schulen unter staatlicher Aufsicht. Aus 
reichende Staatsbeihilse zum Besuch höherer Schulen für be 
gabte Kinder der unbemittelten Stände. Gesetzliche Neuordnung 
des Verhältnisses von Kirche und Schule. Fachliche Schulaufsicht" 
Wer diese Forderungen und Ziele unbefangen prüft, wird zugestehen müssen, daß 
dieselben sowohl an der geistig-religiösen Grundlage eines gesunden Schul- und 
Erziehungswesen festhalten, als auch andrerseits in technischer Hinsicht den neu 
zeitlichen Verhältnissen gerecht werden. 
Wir weisen ferner darauf hin, daß das christlich-sociale, Herrn Hofprediger 
a. D. Stöcker nahestehende „Volk" schon seit Jahren energisch für eine sociale 
und pekuniäre Hebung unsers Standes und für Fachaufsicht eingetreten ist. Auch 
von den oben erwähnten Artikeln in der „Konservativen Monatsschrift" hat es 
Notiz genommen und beginnt einen Bericht darüber mit folgenden Worten: „In 
der „Konservativen Monatsschrift" spielt sich seit einigen Monaten ein interessanter 
Meinungsaustausch über die Frage der geistlichen Schulaufsicht ab. Als 
ihr Hauptbefürworter hat sich ein Dr. R. hervorgethan. Dagegen haben mehrere 
konservative Lehrer ihre Stimme erhoben und zwar mit Gründen, die 
uns unwiderleglich scheinen." 
Endlich sei noch der von Pastor Naumann in Frankfurt, dem neben 
Stöcker bedeutendsten Vertreter der christlich-socialen Bewegung, herausgegebenen 
Wochenschrift „Die Hilfe" gedacht, die ebenfalls den Fragen der Schule und 
des Lehrerstandes eine besondere Beachtung zuwendet und darin einen Standpunkt 
vertritt, der den Lesern des „Ev. Schulblatts" durchweg zusagen muß." Ph. 
2. Die bayrischen Geistlichen und die Pädagogik. 
In Bayern sind die letzten Jahre interessante Verhandlungen über die 
Methode des Religionsunterrichts geführt worden. Wir können sie zum Teil 
als typisch für die Stellung der Theologen zu Psychologie und Pädagogik ansehen 
und geben darum hier einen kurzen Bericht. 
Pfarrer Nägelsbach aus Fürth hatte auf der 21. allgemeinen Pastoral- 
konferenz evangelisch-lutherischer Geistlicher Bayerns 1891 einen Vortrag über 
den Religionsunterricht des Geistlichen in der Volksschule gehalten und darin in 
scharfer Kritik des üblichen Verfahrens die Elemente eines psychologischen Religions 
unterrichts gegenüber dem dogmatistischen vertreten. Er sagt u. a.: „Wie kontra 
stiert die hygienische Sorgfalt, mit der die Kinder jetzt behandelt werden, mit der 
psychologischen Sorglosigkeit auf dem Gebiet des Religionsunterrichts. Es wird 
hier an den Kindern furchtbar gesündigt. Die abstrakte Form des Unterrichts, 
das Hineinzwingen in logische Gedankenreihen, vor dem sich die nach Anschauung 
verlangenden Kinder instinktiv zurückziehen, wie ein milchgewohnter Säugling vor 
einem stahlhaltigen Mineralwasser, der dogmatisch-theologische Inhalt, der alles 
kindliche Auffassungsvermögen weit übersteigt, das Hinarbeiten auf systematisch 
gründliche, übersichtliche Erkenntnis, die der Natur des Kindes völlig inadäquat 
ist, diese drei Grundfehler des herkömmlichen Religionsunterrichts sind die größten
	        

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