Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Kleine Chronik. 
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Feinde eines gesegneten, fürs Leben fruchtbaren, auf Herz und Gemüt einwirkenden 
Religionsunterrichts." Und woher diese schlimmen Fehler? „Weil uns wissen 
schaftlich gebildeten Theologen die Kenntnis der Kindesseele, ihrer Bedürfnisse und 
ihrer Fassungskraft vielfach abgeht. Wir wissen es nicht, was das Kind wahr 
haft innerlich erfreut, anregt, begeistert und zu guten Vorsätzen ermuntert, wir 
sind vielfach nicht imstande, uns in die Werkstatt des kindlichen Geistes hinein 
zuversetzen und auf den Wiederhall, den unsere Worte im KindeSgemüte erwecken, 
zu lauschen." Haben wir dies einmal begriffen, so wird uns auch klar werden, 
daß der Katechismusunterricht von dem Ballast wissenschaftlich - dogmatischer 
Gründlichkeit und trockener theoretischer Ausführlichkeit befreit und in einfacher, 
anschaulicher, der kindlichen Fassungskraft angemessener Weise erteilt werden muß, 
und daß Thatsachen, Realitäten, nicht Begriffe den Kindern beizubringen sind. 
In Bezug auf das Anknüpfen an Bekanntes, Erlebtes, (aus den Tages 
vorkommnissen rc.), Anschauliches, worauf die Kinder gern lauschen und worin sie 
dem Lehrer willig folgen, bemerkt Nägelsbach sehr fein: „Gerade dieses sinnende 
Lauschen, dieses stille gesammelte Jnsichgekehrtsein ist das rechte gedeihliche Wachs 
wetter des religiösen Sinnes. Die stillen, im geheimen nebenherlaufenden Ge 
danken und Gefühle des Kindes sind es, welche das gehörte Wort vertiefen und 
mit Inhalt erfüllen." 
Soviel aus dem vortrefflichen Vortrag von Pfarrer Nägelsbach, der in 
seinen Thesen zum Schluß ganz ausdrücklich „eine gründlichere Ausbildung der 
kirchlichen Religionslehrer in Methodik und Psychologie" forderte. Und wie wurden 
nun diese „bitteren Wahrheiten" von der Konferenz aufgenommen? Nach dem 
gedruckten Bericht über die Debatte zu schließen, ganz erstaunlich wohlwollend. 
Der Korreferent erkannte an, daß die Begründung des Katechismus in dem 
Lebensboden der biblischen Geschichte das Notwendigste ist und daß man zu 
diesem Notwendigsten jedenfalls Zeit haben müsse; er forderte Katechismus 
unterricht nach geschichtlicher Methode. „Die Geschichte muß methodisch und mit 
einer gewissen Selbständigkeit zur Geltung kommen, sie darf nicht ein großer 
Kasten sein, aus dem man Beispiele holt, wenn man sie braucht." Er will 
„zusammenhängende größere Flächen bild er" dem Katechismusunterricht ein 
gliedern, teils zur Folie für den Text, teils als Entfaltung — z. B. das Lebens 
bild des Heilandes und die Entwicklung des dritten Artikels an der Apostel 
geschichte, des Dekalogs am Wüstenzug rc. — Einer der Redner war so un 
befangen, bezüglich der von dem Vortragenden verworfenen abstrakt-logischen Ge- 
dankenentwicklung, theologisch-dogmatischen Lehrdarstellung und systematischen Übersicht 
zu erklären: „hier müssen wir an unsere Brust schlagen, hier ist viel gesündigt 
worden." Ein anderer freilich wollte die „Herrin und Königin" des Religions 
unterrichts, die Lehre, nicht von ihrem Throne stoßen lassen durch die Geschichte, 
die doch nur der Leib, während die Lehre die Seele sei! „Geschichte und Ge 
dichte sind nichtige Gesichte, nur Gottes Wort und Luthers Lehre vergehen nun 
und nimmermehr." Glücklicherweise bekam er doch die richtige Antwort, daß das 
Christentum nicht Lehre, sondern vor allem Thatsache sei, daß aber nicht die 
Lehre, sondern die geschichtliche Thatsache das Wichtigste sei. Wie gering aber 
doch schließlich bei all diesen richtigen Erkenntnissen und Bekenntnissen die Wertung 
einer wissenschaftlich begründeten Methode war, zeigte der Schlußredner, der das 
große Wort aussprach: „Die rechte Methode muß sich für jeden Geistlichen aus 
der Praxis ergeben!" Dabei wollte er freilich „einen gesunden, auf Christum 
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