Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
und seine Erlösung sich gründenden Charakter bilden." Hoffentlich wird bei 
solchem Bemühen auch die Einsicht in die Bedeutung der Methode noch einmal 
gesunden! 
Sollte aber jemand meinen, daß die Herren Geistlichen durchweg auf die 
„fachmännische Einsicht", die doch mindestens für ihr eigenstes Gebiet, den Re 
ligionsunterricht zu fordern ist, Anspruch machen dürften, der lese gefälligst 
Nr. 29 und 30 des Korrespondenzblatts für die evangelisch-lutherischen Geistlichen 
in Bayern vom 18. und 25'. Juli 1895 nach. Da findet sich die Besprechung 
eines „Vorschlags zur Neugestaltung und Konzentration des ge 
samten Religionsstoffes der evangelischen Volksschule Bayerns" 
ausgearbeitet von einer Kommission des Bezirkslehrervereins Nürnberg-Stadt. 
Dieser Vorschlag hatte wesentlich dieselben Leitgedanken zu Grunde gelegt, die 
Herr Nägelsbach vertreten hatte, und will den Religionsunterricht von dem leeren 
Schall des toten Wiffens befreien und den Kindern Milch statt Speise geben. 
Da ereifert sich nun der Herr Kritiker ganz gewaltig über dies Attentat gegen 
die übliche Katechismusbehandlung, wenn der Katechismus von der untersten 
Klasse an anders als in seiner Reihenfolge und Vollständigkeit behandelt und 
eingeprägt werden soll. „Alle Religionslehrer .... sind darin eins, daß mit 
dem Katechismus Luthers in seiner Vollständigkeit unserer Volksschule ihr edelster 
Schatz, ihr Kleinod genommen würde, daß ohne ihn unsere Kinder nimmermehr 
zu gläubigen, bewußten Gliedern der Kirche herangebildet werden können." Nun 
poltert er weiter gegen die „Armseligkeit", „bodenlose Oberflächlichkeit und An 
maßung, mit der hier der Kirche nichts Geringeres zugemutet wird, als sich, was 
ihren Anteil an der evangelischen Volksschule betrifft, selbst aufzugeben." Natürlich 
kann der Geist, der aus solchem Lehrer-Vorschlag redet, „klärlich" kein anderer, als 
„der des alten und eben jetzt wieder in Aufnahme kommenden Rationalismus" 
sein, wie könnte er sonst aus „ethische Einwirkung" dringen; da ist denn 
natürlich die Moral das Höchste und nicht der Glaube! — 
Wäre dies nun eine vereinzelte Stimme, so könnte man ja das Wettern 
eines solchen pädagogischen Ignoranten auf sich beruhen lassen; aber er muß doch 
einigen Grund haben zu der Zuversicht, womit er den letzten Trumps aus 
spielt: Wenn die Nürnberger Lehrer meinten, ihr Vorschlag werde „bei allen 
Urteilsfähigen innerhalb unserer Landeskirche etwas anderes als Entrüstung her 
vorrufen, so haben sie auch damit bewiesen, wie wenig sie der Sache, die sie da 
mit in Angriff nehmen, gewachsen sind." Diese Besorgnis wird uns auch nicht 
vollständig genommen durch die würdige Antwort, die diese Expektorationen seitens 
eines pädagogisch etwas besser unterrichteten Amtsbruders fanden, der die so 
schnöde angegriffenen Lehrer glänzend rechtfertigt. Er sagt: „Es wäre besser, 
wenn wir uns selbst richten und einmal fragen würden: wie kommt es doch, 
daß die Lehrer mit solchem Eifer und Interesse auf Verbesserung des Religions 
unterrichts hinarbeiten, während aus dem Kreise der Pfarrer keine Stimme laut 
wird?" „Ob und wie weit ein den Glauben der Kirche lehrendes Buch für 
Schüler geeignet ist, das ist vom Standpunkt eben dieses Glaubens aus nach 
pädagogischen und didaktischen Regeln zu entscheiden." „Wenn ein ersprießlicher 
Unterricht ohne liebevolle Anpassung an das kindliche Fassungsvermögen, an das 
religiöse wie an das rein vernunftmäßige, unmöglich ist — dies betonen vor 
allem nach Herbarts Vorgang die Zillerianer mit Recht energisch — so muß 
z. B. die Auslegung des Vaterunsers in dieser Hinsicht einer Untersuchung unter-
	        

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