Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Aus dem Nachlasse ch F. W. Dörpfelds?) 
Einige Klarstellungen zu „Gewissen und Willensfreiheit". 
Das Gewissen ist, wie schon der Wortklang andeutet, ein wirkliches 
Wissen, nämlich das Wissen von gut und böse. Wie groß oder wie kleiu 
dieses Wissen beim einzelnen Individuum sein mag, darüber sagt das Wort 
„Gewissen" nichts aus. Sprechen wir einem ein Gewissen zu, so will das heißen: 
er habe irgend ein Maß von Misten über gut und böse. Ist nun das Ge 
wissen ein wirkliches Wissen, so kann dasselbe — gleich allem übrigen Wissen -- 
nicht etwas Angeborenes, sondern nur etwas Erworbenes sein, — sei 
es, daß es durch Selbsterfahrung erworben wurde, also ein naturwüchsiges 
ist, oder daß es durch Hülfe anderer gewonnen wurde und dann ein angebildetes 
heißt. Die Gewissens a n l a g e ist etwas ganz anderes, — etwas Analoges, wie 
die ästhetische und die logische Anlage. Jede dieser dreierlei Anlagen umfaßt ein 
Zwiefaches: einmal die allgemeine intellektuelle Beanlagung (als Grundlage 
und Voraussetzung), die bei allen dreien selbstverständlich dieselbe ist; und sodann 
eine gewisse Disposition des Gemüts, die bei allen dreien eben eine verschiedene 
x ) Die beiden ersten hier mitgeteilten Stücke aus dem Nachlasse Dörpfelds sind 
einem umfangreichen Schreiben entnommen, das Dörpfeld an einen „lieben leidenden 
Mitbruder" gerichtet hat, der ihm, wenn auch persönlich unbekannt, seine Not geklagt 
und ihn um Rat gebeten hatte. Sie sind geeignet, den Vers, nicht nur als feinen 
Psychologen, sondern auch als trefflichen Seelsorger erkennen zu lassen und werden den 
Freunden als Beiträge zum Lebensbilde des Heimgegangenen von besonderem Werte sein. 
Das dritte Stück ist einer größeren Zahl von Dispositionen entnommen, die Dörp 
feld für eine spätere Ausarbeitung oder zur vorläufigen Orientierung für Freunde ent 
worfen hat. Die mitgeteilte gehört zu der zweiten Gruppe. Daß ich mit der Ver 
öffentlichung gerade dieser Skizze den Anfang mache, hat seinen Grund darin, daß 
die Frage der Schulsparkassen längst eingehend hätte besprochen werden sollen. Ich teile 
Dörpfelds Standpunkt zur Sache, möchte aber doch noch weitere Zugeständnisse machen, 
als er hier gethan hat. Unser Volksleben ist krank, sehr krank, die Schule weit davon 
entfernt, ihre Wirksamkeit nach gesunden pädagogischen Grundsätzen entfalten zu können. 
Könnten aus diesem Stande der Dinge sich für die Beurteilung der Schulsparkasten nicht 
noch andere Gesichtspunkte ergeben? 
Ich möchte hier noch dringend bitten, die Schulsparkastenfrage nicht abgethan sein 
lassen zu wollen. Horn.
	        

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