Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
schaft mit ihnen hinweist. Es ist ein großer Unterschied, ob der Schüler sich 
beim Schreiben nur nach der leblosen, fertigen Vorschrift zu richten hat. oder nach 
dem Lehrer, der ihm etwas vorschreibt, lebendig vor die Augen malt. 
Es handelt sich daher für Dörpfeld beim Religionsunterricht um 
nichts Geringeres als die „Einführung in den Sinn und die Gesinnung 
der heiligen Schriftsteller" (H, S. 86). Die Schüler sollen „den Männern 
Gottes ins Herz blicken" lernen, also Personen kennen lernen, die am ursprüng 
lichsten und tiefsten die Erfahrung von ihrer Schuld und Gottes Huld gemacht 
haben. Durch solchen geistigen Umgang mit diesen vorbildlichen Personen werden 
die Schüler nicht nur zu einer unmittelbaren Anschauung und wissensmäßigen 
Erkenntnis von dem, was christliche Religion eigentlich ist, angeleitet, sondern 
viel mehr noch unwillkürlich in ähnliche Erfahrungen hineingezogen, 
so daß sie wirklich sich selbst und weiter Gott selbst wahrhaft, nämlich praktisch 
kennen lernen. Auf diese Weise würde eben die Sache selbst mit ihrer inneren 
Überzeugungskraft und gewissenbewegenden Wahrheit die jungen Gemüter für sich 
gewinnen; und eine solche innerlich dem regen Gewissen sich aufdrängende Auto 
rität hat eine ganz andere Macht und Haltbarkeit als die äußere Vorschrift: Du 
mußt das glauben, weil es in der Bibel steht und vertrauenswerte Leute dir das 
so sagen. Damit wäre also die Normativität der heiligen Schrift auf eine festere 
Basis gestellt, indem die Schüler durch die Teilnahme an dem inneren Leben der 
Klassiker des heiligen Geistes von diesem Geiste selbst berührt und ergriffen werden 
oder indem sie in den Strom persönlichen Glaubenslebens gestellt werden, der von 
den Männern Gottes ausströmt (Joh. 4, 14; 7, 38). Denn religiöses 
Leben entzündet sich nun einmal nur von Person zu Person. 
Und diese große Wahrheit will Dörpfeld eben für den Religionsunterricht 
wieder auf den Leuchter stellen, indem er die heiligen Schriftsteller mit den 
Klassikern vergleicht. „Ist es unter den Freunden und Pflegern altklassischer 
Studien jemals dauernd verkannt worden, daß es dabei gelte, die Schüler in 
das griechische und römische Ethos einzutauchen, sie bei den Besten dieses Volks 
tums Wohnung nehmen zu lassen, damit eben durch täglichen Verkehr ihre 
Sprache, ihr Urteck, ihr Geschmack, ihre Gesinnung an der Bildung dieser Besten 
sich bilde?" (II, S. 22). Zu demselben Gebrauch stehen Israels Schriftsteller 
als Klassiker da — „original und darum mustergültig." „An Klassikern soll die 
Jugend nicht Kritik üben lernen — auch nicht, wenn Homer einmal geschlafen 
haben sollte — sondern original sehen, hören, denken, empfinden 
lernen, und an diesen zumal: vertrauen, hoffen, lieben, leiden, wie 
sie gethan, — und vielleicht auch, um wie sie original davon zeugen zu 
können" (II, S. 22). Schon hier tritt also bei Dörpfeld, und zwar vor 30 
Jahren, mit aller Bestimmtheit das ans Licht, was in neuester Zeit bei den 
Theologen, den konservativen sowohl wie den „modernen" so eifrig betont wird,
	        

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