Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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Dörpfeld und die religiösen Klassiker. 
es komme bei der Religionslehre und Predigt nicht sowohl ans Weitergeben der 
Überlieferung, auf das „Referieren", wie Prof. Crem er sagt (von Dörpfeld 
„Speditionsgeschäft" genannt), sondern auf das Zeugnis von Selbstgeschautem 
und Selbsterlebtem an. Die Lehrer sollen nicht bloße Referenten, sondern Zeu 
gen sein und also befähigt, die Schüler zu Zeugen vom Worte des Lebens zu 
erziehen. 
3. Gegensatz gegen den herkömmlichen Katechismusuntcrricht. 
Mit diesem Grundsätze, der konkrete persönliche Unterweisung durch Ver 
setzung in den geistigen Umgang mit religiös vorbildlichen Personen fordert, ist 
natürlich ein scharfer Gegensatz zu dem Unterrichtsbetriebe gegeben, der das Wesen 
des Religionsunterrichts in die Erläuterung des Katechismus setzt und den vor 
bereitenden Anschauungsunterricht der biblischen Geschichte nur eben als Vor 
bereitung gelten läßt und von demselben eigentlich nur die Sammlung willkom 
mener Illustrationen zu den Lehrsätzen zu benutzen versteht. Dörpfelds Wür 
digung dieses immer noch in so hohem Ansehen stehenden katechetischen Verfahrens 
läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Israels klassische Schrift 
steller von Moses bis auf St. Johannes ■— das sind die reli 
giösen Klassiker aller Völker und Zeiten. Was heißt das? — 
Es heißt: Fort mit Pinsel und Flederwisch, — eine Wurfschaufel her, um eine 
alte Tenne zu fegen — eine Geißel, um das pädagogische Heiligtum zu reinigen 
von den toten Werken katechetischer Gerechtigkeit und von allem, was sich an die 
Stelle der von Gott bestellten Volkslehrer gesetzt hat! Da sitzen die Kindlein zu 
den Füßen pädagogischer Männlein, um sich von ihnen groß katechisieren zu lassen, 
während die Männer, welche der Geist des Herrn groß gezogen hat, damit an 
ihnen die Menschenkinder zum Maß der vollkommenen Mannesgestalt Christi 
emporwachsen möchten, bescheiden in der Ecke stehen müssen, vielleicht nur je und 
daun ein abgebrochenes Wort mitsprechen dürfen, falls sie überhaupt noch ge 
würdigt sind, die Schwelle des modernen Pädagogiums zu überschreiten. Wann 
wird der Herr einmal einen Mann aus der Wüste herrufen, der diesem Ge 
schlecht . . . vernehmlich genug zu reden weiß, zu bekehren tite rechtgläubigen 
Väter zu dem recht gläubigen Kindersinn und die Ungläubigen zu der Klugheit 
der Gerechten, daß wir Buße thun von allen toten Werken philosophischer, päda 
gogischer, kirchlicher und katechetischer Selbstgerechtigkeit?" (II, S. 21 f.). 
Und gerade hier tritt es uns so recht packend entgegen, was Dörpfeld mit 
der Bezugnahme auf die weltlichen Klassiker eigentlich im Sinne hatte: „Es hat 
ja wunderliche Käuze unter den Philologen gegeben wie allerwärts; aber ist einer * 
unter diesen jemals auf den Gedanken gefallen, behufs Mitteilung altklassischer 
Bildung einen Katechismus des griechisch-römischen Ethos und der 
Klassicität anzufertigen, mit den Schülern in die Länge und Breite durch-
	        

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