Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

I. Abteilung. Abhandlungen. 
zukcitechisieren und gar zum wörtlichen Memorieren aufzugeben; oder etwa 
aus den Klassikern etliche hundert Belegstellen für seine Theorie des griechisch- 
römischen Volkstums und der Klassicität herbeizuziehen und den Schülern einzu 
prägen, in dem Wahn, nun hätte er den destillierten „Geist" des Altertums 
rein und lauter ihnen eingepflanzt; — anstatt die Klassiker selbst sinnig und 
verständig lesen, wiederlesen und memorieren zu lassen?" (II, S. 23). In der 
That, die Gewohnheit hat uns so abgestumpft, daß wir einmal durch solch einen 
drastischen Vergleich auf die Ungeheuerlichkeit oder, wenn dieser Ausdruck zu stark 
scheint, die Unnatur der üblichen Katechismuserklärungen hingewiesen werden 
müssen. Und wem das etwa noch nicht durchschlagend erscheint, der möge auch 
noch den anderen Vergleich Dörpfelds in Erwägung ziehen: „Wenn man aus den 
Klassikern den „Geist" abstrahieren und destillieren kann und diese Abstraktionen 
eben so wahrhaftig sind als konkrete, anschauliche Gebilde: warum giebt dann 
die Mutter dem Säuglinge statt der Milch nicht die extrahierten Bestandteile 
derselben, — Wasser, Butter. Milchzucker, Kasein u. s. w ? Ist es aber 
mit der Ernährung der Seele anders, als mit der Ernährung des Leibes? Es 
ist nichts anders; hier wie dort müssen die Nahrungsmittel, zumal die ersten, 
organische Gebilde sein; für das Seelenleben nennen wir sie Anschauungen. Die 
nächste und hauptsächlichste ethische Speise der Seele ist die unmittelbare oder 
mittelbare Anschauung von Personen nach ihrem äußeren und inneren Leben" 
(II, S. 23 f. Vgl. I, S. 103). 
Das ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob Dörpfeld den Katechismus 
an sich als Ziel und Norm für den Religionsunterricht, geschweige als kirchliches 
Bekenntnisbuch verwerfe. Allerdings, von den mehr oder weniger dickleibigen 
Katechismusbearbeitungen, den Auslegungen der kirchlichen Katechismen, nach denen 
die christliche Glaubens- und Sittenlehre in fertigen Antworten, Definitionen und 
Lehrsätzen gelernt werden soll, findet kein einziges Gnade vor seinen Augen. 
Und ebenso will er von dem regelrechten Durchkatechisieren der symbolischen Kate 
chismen nichts wissen. Aber auf Grund des religiösen Anschauungsunterrichts 
muß gerade Dörpfeld, der so ernstlich auf das Verständnis dringt, auch einen 
Reflexions- und Abstraktionsunterricht fordern, damit keine der auf dem An 
schauungswege gefundenen Wahrheiten und Erkenntnisse wieder verloren gehe. 
Nur liegt die große Abweichung von dem herrschenden Verfahren darin, daß 
wirklich auch alle Erkenntnisse auf dem Wege der anschaulich erbaulichen Betrach 
tung gewonnen und dann schließlich gesammelt nnd geordnet werden, womit man 
dann freilich auf einen Katechismus hinauskommt. Also „ein schließliches Zu 
sammenfassen der christlichen Lehre in einen kurzen kirchlichen Ausdruck, wie z. B. 
der kleine lutherische Katechismus ihn gewährt. Wenn das Kind nicht durch die 
biblischen Geschichten soweit geführt ist, daß es Luthers kleinen Katechismus auch 
ohne umständliche Katechisationen versteht, sondern den christlichen
	        

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