Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Dörpfeld und die religiösen Klassiker. 
9 
Lehrstoff aus diesem erst kennen lernen soll, so ist solcher Katechisniusunterricht 
an sich, wie gut er auch immer erteilt werden mag, kein naturgemäßer" 
(I, S. 104). 
Ich habe die Freude, den Lesern des Schulblatts gerade diesmal einen Ab 
schnitt aus dem früher (1894, Nr. 5) und oben schon genannten nachgelassenen 
Werke Dörpfelds mitteilen zu können, in dem er sich über unsere Frage des 
näheren ausspricht. Er spitzt seine Erwägungen über den Unterschied von Bibel 
und Katechismus, wie unten zu lesen sein wird, also zu: „Der Katechismus be 
trachtet den Lernprozeß als das Vererben einer fertigen Theorie; die heilige 
Schrift giebt keine fertige Theorie, sondern nur praktische Weisungen und spornt 
daher zur Selbstforschung an, will also den Lernprozeß als ein Erwerben 
betrachtet wissen." 
4. Lcdcntnng öer Htilsgeschichtc. 
Es ist also nach Dörpfeld eine „gefährliche Täuschung", »man lehre recht, 
d. h. doch auch: verständlich und eindringlich, wenn man die ,reine Lehre, makellos , 
weiter spediere;" denn „ohne die Unterlage von Gedanken und Erfahrungen" 
deren Ergebnis der Lehrsatz erst ist, „läßt dieser oberste Satz seinem ganzen 
Inhalte nach sich gar nicht fassen" (I, S. 16). Welches ist nun die „rechte 
Lehre?" Dörpfeld antwortet mit der tiefgreifenden These: „Heilsgeschichte 
ist die beste Heilslehve" (II, S. 33 vgl. I, S. 104). „Gegenüber der stets sich 
erneuernden Lüge, daß das Evangelium eine bloße Lehre sei, gilt es, den kleinen 
und großen Christen zum Nimmervergessen einzuprägen, die Botschaft des Heils 
habe es mit Thaten und zwar mit den „großen Thaten Gottes" zu thun, 
wie ja auch die Urkonfession der Kirche in ihren drei Artikeln nur davon 
redet" (I, S. 198). Es ist da nun für Dörpfeld, der das bisher Geltende so 
viel zu kritisieren und anzufechten hatte, eine wahre Genugthuung, daß er sich 
auch einmal auf behördliche Weisungen und zwar auf die viel verschrieenen preußi 
schen Regulative berufen kann. Mit Freuden streicht er den Satz derselben 
heraus: „Die biblische Geschichte ist das Feld, auf dem die evangelische Elementar- 
schule ihre Aufgabe, das christliche Leben der ihr anvertrauten Jugend zu be 
gründen und zu entwickeln, zu lösen hat" (I, S. 196) oder noch bestimmter: 
„Die Heilsgeschichte ist das Fundament der Heils lehre, darum muß die bib 
lische Geschichte der Mittelpunkt des elementarischen Religionsunterrichts sein" 
(I, S. 201). Nur geht Dörpfeld mit diesem Grundsatz mehr in die Tiefe und 
stellt ihn zugleich auf einen höheren Sockel; er begnügt sich nicht, wie sonst 
üblich, mit der Einzelarbeit der Erklärung biblischer G e s ch i ch teil, sondern will 
von da zu einer umfassenden Behandlung der großen Thaten Gottes selbst, aber 
der Heilsg eschichte aufsteigen und schließlich auf eine aus der Heils- 
ge schichte genetisch entwickelte Heils lehre abzielen. 
Sind also die religiösen ,Klassiker^ einerseits, wie wir oben sahen, um
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.